Was unterscheidet Stereotype von gerechtfertigten statistischen Aussagen über Gruppen?

Adam Ayaita, Juni 2017; letzte Aktualisierung im März 2024

Allen Menschen kann es passieren, stereotypisiert zu werden, d.h. anhand von Stereotypen beurteilt zu werden. Unter anderem erleben viele Frauen und viele Menschen, die hinsichtlich ihres ethnischen Hintergrunds einer Minderheit angehören, dies regelmäßig. Auf Grund eines Stereotyps beurteilt statt als Individuum wahrgenommen zu werden, demnach „in eine Schublade gesteckt“ zu werden, kann zwar durchaus amüsant und für den Urheber der Stereotypisierung peinlich sein. Aber Stereotypisierung ist oftmals auch nervig – und im schlimmeren Fall, wenn sie in Diskriminierung mündet, kann sie die Lebenschancen von Menschen einschränken. Wie lassen sich Stereotype und ihre Eigenschaften beschreiben und erklären, und wie sollte eine Gesellschaft, zumal eine humanistische Gesellschaft, mit einem solchen Phänomen umgehen? Im Rahmen dieser Betrachtung arbeite ich insbesondere heraus, was Stereotype von gerechtfertigten statistischen Aussagen über Gruppen unterscheidet.

Stereotype enthalten übermäßige Vereinfachungen und können mit Verzerrungen einhergehen

Im Jahr 2016 ist ein herausragender Artikel erschienen, der sich mit Stereotypen beschäftigt (Bordalo et al.: Stereotypes, Quarterly Journal of Economics 131, 2016: 1753–1794). Stereotype werden dabei definiert als übermäßig vereinfachte Vorstellungen von Gruppen. Die Autor*innen beschäftigen sich mit der Beschreibung und Erklärung von Stereotypen und wenden sich vor allem der Frage zu, wie es zu verzerrten Stereotypen kommt, d.h. zu Vorstellungen von Gruppen, die den tatsächlichen Eigenschaften der Gruppe nicht entsprechen. Ein Beispiel dafür ist das Stereotyp, dass Irinnen und Iren sehr häufig rothaarig seien; tatsächlich sind nur 10% der Iren rothaarig.

Die Autor*innen verstehen Stereotype nicht lediglich als das Ergebnis soziologischer Prozesse und sozialpsychologischer Tendenzen („eigene Gruppe“ gegen „fremde Gruppe“, Ingroup versus Outgroup) sowie persönlichkeitspsychologischer Phänomene und Probleme. Sondern sie verstehen Stereotype als das Ergebnis kognitiver Vereinfachungen, sogenannter Heuristiken.

Verzerrte Stereotype lassen sich laut den Autor*innen vor allem erklären durch tatsächliche relative Unterschiede zwischen Gruppen und die Tendenz vieler Menschen, sich auf solche Unterschiede stärker zu konzentrieren als auf die Gemeinsamkeiten. Dadurch entsteht in vielen Fällen eine verzerrte Vorstellung. So ist tatsächlich auch in Irland nur eine Minderheit rothaarig, aber der Anteil der Rothaarigen ist im relativen Vergleich deutlich höher als z.B. in England (ca. 4%). Anstatt sich die Verteilung der Haarfarben innerhalb der irischen Bevölkerung bewusst zu machen, neigt das stereotype Denken dazu, sich vor allem auf den Kontrast zu anderen Ländern zu fokussieren. Weil die rote Haarfarbe diejenige ist, die bei Iren deutlich häufiger vorkommt als in den meisten anderen Gesellschaften, zieht das Gehirn möglicherweise den Schluss, dass viele Iren rothaarig seien, obwohl es tatsächlich nur eine Minderheit ist.

Ein damit zusammenhängender Grund für verzerrte Stereotype, den die Autor*innen ansprechen, ist der folgende. Wenn relative Unterschiede zwischen Gruppen bestehen, dann können bestimmte Merkmale „diagnostisch“ für eine bestimmte Gruppe sein: Das Vorliegen eines bestimmten Merkmals lässt (annähernd) den Schluss auf eine bestimmte Gruppe zu. Das stereotype Denken nimmt daraufhin an, das Merkmal trete in der entsprechenden Gruppe häufig auf – diese Schlussfolgerung erfolgt jedoch oft zu Unrecht.

Nehmen wir hierfür ein übersichtliches Beispiel: In einer Gesellschaft leben genau zwei Gruppen, Rote (R) und Graue (G). Von den Roten sind 0% Diebe, von den Grauen sind 5% Diebe. Wenn also ein Diebstahl passiert, war es immer ein Grauer. Das heißt, wenn jemand ein Dieb ist (D), dann folgt daraus, dass es ein Grauer ist (G):

D → G

Der Fehler des Stereotyps besteht darin, nun den Schluss zu ziehen, dass viele oder alle Graue Diebe sind. D.h., es entsteht die Vorstellung, dass wenn jemand ein Grauer ist, diese Person ein Dieb ist:

G → D

Dieser Schluss ist logisch unzulässig, da die Diebe nur eine Teilgruppe der Grauen darstellen (und sogar nur eine kleine Teilgruppe).

Stereotype sind also nicht nur Vereinfachungen, sondern können auch Verzerrungen enthalten. Politisch gravierende Beispiele ließen sich leicht finden, z.B. Stereotype in Bezug auf Frauen oder Minderheiten.

Es muss prinzipiell zulässig bleiben, statistische Aussagen über Gruppen zu treffen. (Im obigen, fiktiven Beispiel würde das bedeuten, festzuhalten, dass 0% der Roten und 5% der Grauen Diebe sind.) Systematische Verzerrungen sollten wir jedoch vermeiden. Bei solchen Verzerrungen orientieren wir uns nicht einfach an statistischen Größen, sondern wir nehmen diese falsch wahr, z.B. weil uns die Unterschiede zwischen Gruppen auffallen, wir uns aber nicht mit den Gruppen selbst beschäftigen, um sie insgesamt zu betrachten.

Ein damit zusammenhängender Aspekt ist, dass Andersartigkeit und extreme Fälle, vor allem negative Fälle, immer besonders auffallen und besonderen Eingang in die Nachrichten finden. Man muss sich aber ein Bild von einer Gruppe als ganzer machen, wenn man eine begründete statistische Aussage über sie treffen möchte.

Individuelle Unterschiede dürfen nicht ignoriert werden

Neben der möglichen Verzerrung soll hier ein weiteres Charakteristikum von Stereotypen vorgeschlagen werden, das mit dem Aspekt der Vereinfachung zusammenhängt: Stereotype ignorieren häufig individuelle Unterschiede; d.h., in der stereotypen Vorstellung erscheinen Gruppen oftmals homogener, als sie tatsächlich sind. Statistisch ausgedrückt: Stereotype bilden nicht nur häufig den Mittelwert verzerrt ab, sondern unterschätzen oder ignorieren oftmals die Standardabweichung (grob gesagt die durchschnittlichen Unterschiede zwischen Individuen).

Das Stereotyp, dass ältere weiße Männer rechtes Gedankengut mit sich trügen und nur ihre egoistischen Interessen durchsetzen wollten, ist vermutlich nicht nur insofern verzerrt, als viele ältere weiße Männer liberale Ansichten haben. Sondern dieses Stereotyp stellt auch ältere weiße Männer als eine relativ homogene Gruppe dar, die sie tatsächlich nicht sind. Es ignoriert – ohne vernünftigen Grund -, dass es selbstverständlich innerhalb dieser „Gruppe“ große Unterschiede gibt. Man könnte sich sogar ein Stereotyp vorstellen, das im Durchschnitt korrekt ist: z.B., dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund relativ schlechte Schulleistungen erbringen. Aber auch dieses Stereotyp vereinfacht zu sehr, wenn man sich nicht bewusst ist, dass es zwischen verschiedenen Individuen mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund große Unterschiede gibt. Manche haben Schulleistungen weit unter dem Durchschnitt dieser Gruppe, andere sind sogar besser als viele mit höherem sozioökonomischen Hintergrund.

Menschen sind nicht eindimensional: Mehrere Faktoren müssen einbezogen werden

Ein weiteres Charakteristikum von Stereotypen – das ebenfalls mit dem Aspekt der Vereinfachung zusammenhängt – ist mangelnde Differenzierung. Damit soll gemeint sein, dass Stereotype sich häufig auf ein einzelnes Merkmal konzentrieren (wie das Geschlecht oder den vermeintlichen ethnischen Ursprung), ohne andere vorliegende Informationen, etwa über den Bildungsstand, soziale Faktoren und das Verhalten, mit zu betrachten.

In einer hochrangig publizierten wissenschaftlichen Studie konnten Erkenntnisse über die tendenzielle Diskriminierung von schwarzen US-Amerikanern auf dem Arbeitsmarkt gewonnen werden (Agan/Starr: Ban the Box, Criminal Records, and Racial Discrimination: A Field Experiment, Quarterly Journal of Economics 133, 2018: 191–235). Wenn keine Angaben über frühere Straftaten in der Bewerbung enthalten sein dürfen, neigen Arbeitgeber*innen insgesamt besonders stark dazu, schwarze Bewerber nicht einzustellen bzw. nicht zurückzurufen. Der Hintergrund ist, dass viele Arbeitgeber*innen im Zweifel davon ausgehen, dass Schwarze eine kriminelle Vergangenheit haben könnten.

Diese Annahme klingt – rein statistisch betrachtet – nicht völlig unplausibel, denn tatsächlich ist der Anteil von Straftätern unter Schwarzen (aus komplexen Gründen) etwas höher als bei Weißen. Allerdings gilt das nicht, wenn man Menschen mit dem gleichen Bildungsniveau vergleicht: Schwarze sind statistisch nicht häufiger Straftäter als Weiße mit demselben Bildungsniveau (S. 226 im Artikel). Den Arbeitgeber*innen lagen Informationen zum Bildungsstand vor, und das Bildungsniveau wurde in den Bewerbungen, welche die Wissenschaftler*innen konstruiert hatten, konstant gehalten. Rationale Arbeitgeber*innen hätten also keinen Unterschied in ihrer Bewertung machen dürfen.

Wer in Stereotypen denkt, sieht den Menschen nicht als ganzen, sondern reduziert sie oder ihn auf wenige Merkmale, deren Einfluss überschätzt wird. Andere, relevante Faktoren werden dabei oftmals vernachlässigt – selbst wenn sie sichtbar sind oder ermittelbar wären. Auch durch diesen Mangel an Differenzierung können (wie im obigen Beispiel) systematische Verzerrungen entstehen und die Chancen von Menschen unzulässig eingeschränkt werden.

Fazit: Merkmale von Stereotypen

Aus den in diesem Beitrag beschriebenen Gründen soll hier vorgeschlagen werden, Stereotype – übermäßig vereinfachte Vorstellungen von Gruppen – auf die folgende Weise von gerechtfertigten statistischen Aussagen über Gruppen zu unterscheiden. Stereotype lassen sich insbesondere charakterisieren und erklären durch: (1) eine systematisch verzerrte Einschätzung von Gruppen, weil die Unterschiede zwischen Gruppen bzw. auffällige Teilgruppen verstärkt wahrgenommen werden, so dass die Gruppe im Mittel falsch eingeschätzt wird; (2) eine Unterschätzung bzw. Ignoranz gegenüber Unterschieden zwischen Individuen, so dass Gruppen homogener eingeschätzt werden, als sie tatsächlich sind; (3) eine mangelnde Differenzierung, so dass einzelne Merkmale von Personen im Vordergrund stehen und der Einfluss anderer Merkmale nicht oder nicht hinreichend berücksichtigt wird.

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