Normative Wissenschaft: Zwei Konzeptionen, von denen eine sinnvoll und eine höchst problematisch ist

Adam Ayaita, Juli 2017; letzte Aktualisierung im Mai 2021

Sollte Wissenschaft normativ sein? Mit anderen Worten, sollten die Wissenschaften sich damit beschäftigen, was sein soll (normative Wissenschaft), oder nur mit dem, was (gemäß den vorliegenden Fakten) ist? Gerade viele Sozialwissenschaftler*innen würden die Idee einer normativen Forschung sofort von sich weisen. Normative, Werte-orientierte Wissenschaft ist sehr unbeliebt geworden. Sich mit dem Sollen zu beschäftigen, erscheint vielen sogar unwissenschaftlich, als nicht vereinbar mit dem Anspruch der Wissenschaft, möglichst objektiv zu sein. Es sei doch Aufgabe der Politik, Soll-Fragen zu diskutieren, und dürfe nicht Teil der Wissenschaft sein.

In diesem Beitrag soll eine andere, differenzierte Position eingenommen werden. Denn wer normative Wissenschaft pauschal ablehnt, riskiert, dass die Wissenschaft sich von den realen Problemen der Gesellschaft und der individuellen Menschen entfernt und dadurch nutzlos wird. Als mögliche Folge können sich weite Teile der Gesellschaft von der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen abwenden; mit anderen Worten, Populismus und Post-Faktizität werden damit gefördert. Wenn die Wissenschaft – die ja zum überwiegenden Teil von öffentlichen Geldern und damit von den Steuerzahler*innen finanziert wird – einen gesellschaftlichen Nutzen haben soll und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung und der Politik erhalten oder stärken möchte, dann muss sie sich auch mit der Frage beschäftigen, was sein soll und was gesellschaftlich wünschenswert ist.

In der Medizin erscheint dies klar: Wir erwarten von diesem Fach, dass es zu dem normativen Ziel beiträgt, dass Krankheiten geilt, Menschen geholfen und ihre Gesundheit gefördert werden soll. Viele Mediziner*innen würden diesen Anspruch stolz unterschreiben, zumindest so weit wie möglich. Selbst Grundlagenforschung muss sich letztlich daran messen lassen, ob sie in indirekter Weise zu solchen normativen Zielen beiträgt. Weshalb soll das in anderen Wissenschaften, gerade in den Sozialwissenschaften, nicht auch gelten? Es gibt eine riesige Zahl sozialer Probleme wie etwa wirtschaftliche Effizienz- und Verteilungsfragen, Versicherungssysteme, nachhaltiges Wirtschaften, internationale politische Ziele und Verhandlungen, Bildungssysteme, -strukturen und Zugang zu Bildung, Verhalten in Gruppen und Organisationen und einiges mehr. Auch hier gibt es sozusagen (soziale) Krankheiten, die bestmöglich geheilt werden sollten, Menschen, denen geholfen werden sollte, und die Möglichkeit von sozialem Fortschritt. Was spricht dagegen, sich diesen sozialen Fragen ebenso zielgerichtet und pragmatisch zuzuwenden, wie wir das von der Medizin erwarten? Nichts.

Ob normative Wissenschaft sinnvoll oder problematisch ist, hängt davon ab, was unter normativer Wissenschaft verstanden wird. Nur durch eine solche Differenzierung kann verhindert werden, dass (Sozial-) Wissenschaftler*innen sich zu pauschal von der normativen Forschung abwenden (oder sich ihr zu pauschal zuwenden) und damit sozusagen das Kind mit dem Bade ausschütten.

Wissenschaft sollte gesellschaftlich relevante Ziele als Motivation für die Bearbeitung bestimmter Themen haben

Erstens kann normative Wissenschaft so verstanden werden, dass die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler ein gesellschaftlich relevantes Ziel verfolgt und daraus die Motivation schöpft, einer bestimmten Fragestellung nachzugehen. In diesem Sinne ist normative Wissenschaft überhaupt kein Problem, sondern für alle Beteiligten und Betroffenen hilfreich. Denn wer sich an dem orientiert, was gesellschaftlich besonders wichtig ist, verwendet die begrenzten Mittel so, dass die Relevanz der Forschung am höchsten ist. Probleme entstehen dadurch nicht, denn die Zuwendung zu relevanten Fragen bedeutet keinesfalls einen Anreiz, die Bearbeitung der Fragestellung in einseitiger oder ungenauer Weise vorzunehmen. Im Gegenteil: Gerade wer reale Probleme wirklich lösen möchte, wird seriös arbeiten, um nicht zu falschen Schlüssen zu gelangen, die letztlich nicht helfen würden.

Eine Medizinerin, die zur Heilung einer Krankheit beitragen möchte, hat kein Interesse daran, einer weitgehend unbedeutenden Fragestellung allein aus Karrieregründen nachzugehen. Sondern sie wird eine Fragestellung auswählen, die für die Heilung dieser Krankheit wirklich wichtig ist. Nichts Besseres könnte der Wissenschaft passieren. Bei der Wahl der Methoden und der Auswertung der Daten wird eine auf diese Weise motivierte Wissenschaftlerin gründlich vorgehen, denn sie möchte ja, dass die Krankheit wirklich geheilt wird, und nicht Ergebnisse präsentieren, die letztendlich niemandem helfen oder gar Schaden anrichten. Dagegen hat eine Karrieristin oder ein Karrierist einen größeren Anreiz, Ergebnisse einseitig zu präsentieren oder ungenaue Methoden auszuwählen. Denn reine Karrieristen wollen nur irgendetwas liefern, das wissenschaftlich neuartig aussieht, ohne aber an einem gründlich abgewogenen Ergebnis wirklich interessiert zu sein.

Der normative Wunsch, ein Thema wirklich zum Nutzen der Menschen auszuwählen und daran anschließend wissenschaftlich zu bearbeiten, wird also nicht die Objektivität (oder intersubjektive Nachvollziehbarkeit) der Forschung gefährden, sondern sie im Gegenteil fördern. Und obwohl soziale Probleme nicht mit den Problemen der Naturwissenschaften gleichzusetzen sind, sollte man sich analoge Gedanken für die Sozialwissenschaften machen.

Wenn ein Thema mit praktischer Relevanz ausgewählt wird, bietet es sich häufig auch an, auf Grundlage eigener Forschungsergebnisse ausdrücklich praktische Implikationen (d.h. Folgerungen) zu diskutieren. Diese Diskussion erfolgt erst nach der Beschreibung der Ergebnisse und sollte davon abgegrenzt sein. Es handelt sich auch hierbei um eine unschädliche und sinnvolle Form normativer Forschung, weil die Methodik und Ergebnisse hierdurch nicht beeinflusst werden und die Diskussion der Ergebnisse hilfreiche Vorschläge für Entscheidungsträger der Praxis bereithält. Beide genannten Aspekte normativer Forschung – die ausdrückliche Auswahl praktisch relevanter Themen und die Ableitung praktischer Implikationen – sind übrigens etablierte Möglichkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens.

Anzumerken ist natürlich, dass sowohl in den Natur- als auch in den Sozialwissenschaften nicht jede Forschung einen direkten Anwendungsbezug hat und direkt gesellschaftlich relevant sein kann. Noch offensichtlicher gilt das für die Mathematik und die Geisteswissenschaften. Aber auch in solchen Fällen, etwa in der Grundlagenforschung, kann zumindest ein indirekter Nutzen für die Gesellschaft gegeben sein. Ein solcher Nutzen kann darin bestehen, anderen Wissenschaftler*innen Erkenntnisse zu liefern, welche von diesen in einem gesellschaftlich relevanten Sinne genutzt werden. Auch kann eine Gesellschaft es sich durchaus leisten, bestimmten Fragen rein aus Erkenntnisinteresse und Freude an der Forschung nachzugehen, sofern dies finanzierbar ist und mit den Wünschen der Steuerzahler*innen vereinbar ist. Doch diejenige Forschung, die normative Ziele verfolgt, sollte aus den oben genannten Gründen keinesfalls aus der Wissenschaftslandschaft verdrängt werden, sondern sollte einen Platz darin haben und gefördert werden.

Problematisch ist es, ein bestimmtes Ergebnis zu wünschen und auf Grund dieses Wunsches die Methoden der Forschung selektiv und subjektiv auszuwählen

Ein zweites Verständnis von normativer Wissenschaft ist es, innerhalb einer Fragestellung ein bestimmtes Ergebnis zu erhoffen und dann die Forschung so durchzuführen, dass möglichst dieses erhoffte Ergebnis herauskommt. Das ist etwas ganz anderes als der oben beschriebene Ansatz, mit der Forschung ein bestimmtes Ziel zu verfolgen oder praktische Implikationen daraus abzuleiten. Man kann das Ziel haben, eine Krankheit zu heilen, und deshalb seriös und kritisch verschiedene Verfahren daraufhin überprüfen, ob sie zur Gesundheit beitragen. Etwas ganz anderes ist es, ein bestimmtes Heilungsverfahren zu bevorzugen, weil man einfach (ohne sachliche Begründung) der Meinung ist, dass dieses Verfahren normativ wünschenswerter sei. Diese zweite Art von Normativität, die sich auf die Methoden und Ergebnisse der Forschung auswirken kann, ist problematisch. Sie trägt nicht zu einer größeren Relevanz der Forschung bei und stellt einen Anreiz dar, die Ergebnisse einseitig zu präsentieren oder mit ungenauen Methoden zu arbeiten.

Angenommen, eine Sozialwissenschaftlerin hat das Ziel, naturwissenschaftlich begabte Mädchen für einen solchen Werdegang zu motivieren und dafür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen (und sozial begabte Jungen für einen entsprechenden sozialen Werdegang zu fördern, also Geschlechtergrenzen zu überwinden). Sie überprüft deshalb verschiedene Interventionen und testet deren Nützlichkeit. Nichts ist an dieser normativ motivierten Wissenschaft falsch, im Gegenteil. Nun nehmen wir aber an, die Wissenschaftlerin hat eine Art Lieblings-Intervention und will zeigen, dass diese gut funktioniert. Das kann sehr problematisch sein, wenn die Wissenschaftlerin so lange in den Daten sucht, bis sie endlich Hinweise für ihre normative Annahme zusammengestellt hat, und gegenteilige Hinweise unter den Tisch fallen lässt. Oder nehmen wir an, die Wissenschaftlerin will unbedingt zeigen, dass Mädchen in Wirklichkeit besser in Naturwissenschaften sind als Jungen. (Und vielleicht will ein anderer Wissenschaftler unbedingt das Gegenteil zeigen usw.) Das hat ziemlich schnell mit Wissenschaft nichts mehr zu tun.

Normativität ist also dann unschädlich, wenn sie sich auf die Auswahl von Themen und Fragestellungen bezieht, also den Einstieg in eine bestimmte Forschung motiviert, und wenn Wissenschaftler*innen auf Grundlage von Forschungsergebnissen praktische Vorschläge unterbreiten. Von einer solchen Form der gesellschaftlich motivierten und relevanten Forschung können sowohl die Menschen, die nicht in der Wissenschaft arbeiten, als auch die Gründlichkeit und Qualität der Forschungsarbeiten profitieren. Problematisch ist es dagegen, wenn bei der Bearbeitung eines bestimmten Themas gezielte Wünsche in Bezug auf das Ergebnis vorhanden sind und diese Wünsche dazu führen, dass im Methoden- und Ergebnis-Teil der Arbeit nicht mehr gründlich und ausgewogen gearbeitet wird. Jeder Mensch kann einen Wunsch haben, was herauskommt, aber dieser Wunsch darf nicht die Auswahl der Methoden und die Präsentation der Ergebnisse beeinflussen. Die Verwechslung von Wunsch und Fakten in wissenschaftlichen Arbeiten wäre also ein negatives Beispiel von normativer Wissenschaft, während die Auswahl relevanter Themen und die entsprechende, praktisch relevante Diskussion der Ergebnisse eher vorteilhaft ist.

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