Adam Ayaita, Juli 2017; letzte Aktualisierung im Juni 2021
Sich nicht mehr für Wahrheit zu interessieren, sondern einfach das zu glauben, was man fühlt oder was unmittelbar dem eigenen Interesse dient; Stimmungen zu bedienen, anstatt sich mit Argumenten durchzusetzen: Solche Entwicklungen erscheinen typisch für einen Politik- und Lebensstil, der unter Schlagwörtern wie Post-truth und Populismus zusammengefasst wird. Diese Phänomene erscheinen unwissenschaftlich, als gegen die Wissenschaft gerichtet. Aber ist das wissenschaftliche System wirklich ein Gegensatz, ein Gegenpol, zu Post-truth und Populismus? Oder finden sich solche oder jedenfalls ähnliche Entwicklungen auch in der Wissenschaft, haben Teile der Wissenschaft sogar diese Entwicklungen mit befördert – sei es durch eigene postfaktische Tendenzen und problematische Vereinfachungen, sei es durch Probleme im wissenschaftlichen System, die dazu beigetragen haben, dass Teile der Bevölkerung sich von der Wissenschaft distanzieren?
Der vorliegende Beitrag geht dieser Frage nach und konzentriert sich dabei vor allem auf die Sozialwissenschaften. Die kurze Antwort lautet: Wissenschaftler*innen sind keinesfalls unschuldig, jedenfalls bei weitem nicht alle, wenn es um Post-truth und Populismus geht. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Zielen und Maßstäben des eigenen Handelns – sowohl auf individueller Ebene als auch auf der Ebene der Wissenschaftspolitik – ist wünschenswert.
Teile der Wissenschaft haben einen Anti-Wahrheits-Kurs hofiert
Wer in den 2000er-Jahren Geisteswissenschaften studiert hat, konnte ständig erleben, dass Wissenschaftler*innen selbst von dem Konzept der Wahrheit Abstand genommen haben, ja die Idee der Wahrheit als altmodisch abstempelten und stolz von der schicken Idee mehrerer „Wahrheiten“ sprachen. Manch einer fühlte sich offenkundig gut dabei, einen Gegenansatz zur Mathematik aufzustellen und die Subjektivität in den Geistes- (und teilweise Sozial-)Wissenschaften zu feiern.
Ein paar Beispiele sollen das illustrieren. Da sind zum einen philosophisch-geisteswissenschaftliche Strömungen wie Relativismus (die Ablehnung klarer Wahr-falsch-Unterscheidungen), Postmoderne (im Prinzip eine Ablehnung von Vernunft und Rationalität, da diese angeblich nur Eliten nützten) und Konstruktivismus (z.B. die Idee, dass jede*r sich seine eigene Wahrheit erschafft). Interessanterweise ist der Konstruktivismus von einigen Hirnforschern mit befördert bzw. mit Hilfe der Hirnforschung begründet worden: Das Gehirn erschaffe sich seine eigene Wirklichkeit, also gebe es keine objektive Wahrheit oder Falschheit. Man konnte in den 2000er-Jahren kaum einen Tag an der Uni verbringen, ohne mit solchen Ideen konfrontiert zu werden. Noch kurz vor den postfaktischen und populistischen Überraschungen in der Politik (u.a. erfolgreiche Kampagne für das Brexit-Referendum, erfolgreicher Wahlkampf von Donald Trump) erzählte man in den Sozialwissenschaften stolz, dass es keine Wahrheit gebe, sondern die Bewertung jedes Urteils von der Perspektive abhänge. Diese Behauptungen dürften einigen nun im Halse steckengeblieben sein.
Die Bevorzugung von Relativismus und Konstruktivismus innerhalb von Teilen der Wissenschaft hat weit ausgestrahlt. Es war ein gesellschaftlicher Trend, in dem sich Wissenschaftler*innen und andere Teile der Bevölkerung gegenseitig beflügelt haben. Einige Medien berichteten von den spannenden Ideen, dass es eine objektive Wahrheit gar nicht gebe, und so erreichten diese Ideen die Öffentlichkeit und prägten die öffentliche Meinung, welche solche scheinbar demokratischen Gedanken dankbar aufnahm. (Zum Zusammenhang zwischen postmodernen Entwicklungen in der akademischen Welt und den gegenwärtigen postfaktischen Tendenzen siehe auch einen Artikel von Helen Pluckrose.)
Es gab nie einen vernünftigen Grund, das Konzept der Wahrheit abzulehnen. Dafür gibt es eine Reihe von Argumenten. (Der Autor dieser Zeilen hat im Jahr 2010 einmal einige zusammengetragen: Omar A. Ayaita: Philosophisches Wissen: Die Suche nach Wahrheit und ihre Grenzen, Norderstedt, 2010: Kapitel 1.) Zunächst ein logisches Argument: Wer sich mit formaler Logik beschäftigt, kann feststellen, dass jeder Aussagesatz, der überhaupt Sinn ergibt, einen Wahrheitswert hat, also entweder wahr oder falsch ist. Gäbe es einen Satz, der sowohl wahr als auch falsch wäre, oder weder wahr noch falsch, dann bräche sozusagen die gesamte Logik zusammen, denn sofort könnte jeder beliebige, noch so absurde Satz als wahr bewiesen werden. (Das lässt sich im Rahmen der Aussagenlogik zeigen, wie Karl R. Popper bemerkt hat: Logik der Forschung, hrsg. von Herbert Keuth, 11. Aufl., Tübingen, 1934/2005: 67, Fußnote 15.) Wäre die Aussagenlogik einmal aufgegeben, könnte jede sachliche Diskussion schnell sinnlos werden.
Aber das ist nicht das einzige Argument dafür, am Konzept der Wahrheit festzuhalten. Es war auch in praktischer Hinsicht schon immer höchst fragwürdig, objektive Wahrheit und Falschheit abzulehnen. Zum Beispiel hat der Holocaust stattgefunden. Wäre es in Ordnung, das zu leugnen? Nein. Verschiedene Perspektiven sind im Hinblick auf eine solche fundamentale Tatsache einfach unangebracht, sogar zu Recht illegal. Es gibt Fakten, die nicht so einfach bestritten werden können. Auch wer vor Gericht als Zeuge unter Eid eine falsche Aussage trifft, kann sich, nachdem er der Falschaussage überführt wurde, nicht einfach darauf berufen, dass er in diesem Moment seine subjektive Wahrheit vorgetragen habe (es sei denn, er war zu diesem Zeitpunkt psychisch krank). Und dass es ein Menschenrecht ist, nicht als unschuldiger Mensch auf Grund einer (vermeintlichen) Gruppenzugehörigkeit verfolgt zu werden, ist – nach unserem Verständnis – eine allgemein gültige Tatsache. Wer das bestreitet, macht sich zu Recht strafbar. Weshalb bestehen wir in solchen Fällen auf Wahrheit, haben an anderen Stellen aber das Konzept der Wahrheit infrage gestellt? Ich kenne kein vernünftiges Argument dafür.
Aber was ist nun mit dem Argument in Bezug auf die Hirnforschung, dass jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert? Erstens ist die Behauptung, dass es Gehirne gebe, die sich eine Wirklichkeit erschaffen, selbst ein Aussagesatz, der für sich Wahrheit beansprucht. Wenn jemand objektive Wahrheit ablehnt, wie kann so jemand dann diese Behauptung über Gehirne aufstellen? Woher weiß der Relativist überhaupt, dass es Gehirne wirklich gibt? Wer eine objektive Wirklichkeit behauptet, in der es keine objektive Wirklichkeit gibt, widerspricht sich selbst. Man kann den Relativismus also nicht durchhalten, wenn man überhaupt Aussagen treffen möchte.
Abgesehen davon impliziert die Tatsache, dass verschiedene Menschen verschiedene Vorstellungen haben, nicht, dass es keine tatsächliche Wahrheit gebe. Natürlich gibt es verschiedene Perspektiven und Meinungen, es gibt viele Debatten, und niemand hat die Wahrheit gepachtet. Das liegt unter anderem an unserem begrenzten Erkenntnisvermögen. Aber daraus folgt nicht, dass alle gleichermaßen Recht hätten. Das eine ist die Frage, was wir erkennen können (oder wollen), und das andere ist die Frage, was tatsächlich der Fall ist. Der Stand unserer Erkenntnis kann sich immer wieder erweitern und erneuern. An den objektiven Tatsachen, denen wir uns versuchen anzunähern, ändert das aber nichts.
Ganz ähnlich lässt sich argumentieren im Blick auf die Frage, ob Wissenschaft Wahrheit finden kann. Natürlich sind die Erkenntnisse, die von der Wissenschaft gefunden werden, nie sicher. Wir nehmen Theorien nur vorläufig als wahr an, bis – gemäß der Popperschen Idee der Falsifizierung – die vorliegenden Tatsachen sie als (wahrscheinlich) falsch herausstellen oder ihrem Geltungsbereich Grenzen aufzeigen. Und natürlich gibt es daneben komplexe Prozesse im System der Wissenschaft, die dem noch hinzuzufügen sind, wie sie etwa Thomas S. Kuhn herausgestellt hat. Das ändert aber nichts daran, dass es die Wahrheit gibt. Wir können uns nur nicht sicher sein, ob wir sie gefunden haben.
Wissenschaftliche Befunde werden oft zu sehr verallgemeinert
Populistischen Strömungen wird nicht nur die Abkehr von der Wahrheit bzw. von den Fakten, sondern auch eine Tendenz zur unzulässigen Verallgemeinerung (Generalisierung) vorgeworfen: Populist*innen generalisieren in Bezug auf Nationen, Religionen, Menschen verschiedener ethnischer Hintergründe und Hautfarben, gegenüber Frauen usw. Aber auch hier ist die Wissenschaft keinesfalls immer nur ein sachlicher Gegenpol gewesen, sondern Teile der (Sozial-)Wissenschaft haben durchaus ihren Teil dazu beigetragen, dass unzulässige Generalisierungen üblich geworden sind.
Liest man sich die von Wissenschaftler*innen geschriebenen Abstracts wissenschaftlicher Forschungen durch, kann man allerhand erleben. Man findet Aussagen der Art: Schüler*innen mit niedrigerem sozioökonomischen Hintergrund haben schlechtere Testergebnisse, die Maßnahme XYZ erhöht die Leistung der Schüler*innen usw. Auch innerhalb der Artikel werden die Ergebnisse zum Teil so generell beschrieben. Es wird also mitunter so getan, als wären strenge, allgemeingültige Gesetze aufgedeckt worden (das wirkt besonders grotesk, wenn einige gleichzeitig das Konzept der Wahrheit ablehnen). Damit wird eine Generalisierung vorgelebt, über die man sich hinterher beschwert, wenn sie in Form des Populismus wie ein Bumerang zurückschlägt.
Es ist problematisch, statistische Befunde wie allgemeingültige Gesetze darzustellen. Auch die komplexesten statistischen Verfahren arbeiten letztlich mit Korrelationen, die auf verschiedene Weisen berechnet und verfeinert werden. Diese Korrelationen (statistische Zusammenhänge zwischen Variablen) sind besonders in den Sozialwissenschaften meistens nicht hoch. D.h., es gibt praktisch keine allgemeingültigen Gesetze im sozialen Leben. Vielmehr gibt es ein Zusammenspiel vieler verschiedener, spannender Einflüsse.
Auch ein statistisch hochsignifikantes Ergebnis – selbst ein Ergebnis mit einer hohen Effektgröße – bedeutet nicht, dass das Ergebnis für alle Individuen gilt. Die meisten Ergebnisse beruhen vielmehr auf dem Vergleich von Mittelwerten zwischen Gruppen von Individuen (z.B. zwischen Frauen und Männern oder zwischen Personen mit höherem vs. niedrigerem sozioökonomischem Hintergrund). Zu Mittelwerten gehört aber immer eine Standardabweichung: die Verschiedenheit der Individuen, auch innerhalb von Gruppen. Zwar wird der Standardfehler (d.h. die Ungenauigkeit der Schätzung eines Koeffizienten, der einen durchschnittlichen Gruppenunterschied angibt) mit zunehmender Stichprobengröße immer kleiner, so dass eher ein statistisch signifikantes Ergebnis erreicht wird. Doch an der Standardabweichung ändert das nichts. Um ein einfaches Beispiel zu wählen: Die Tatsache, dass Personen in Baden-Württemberg durchschnittlich ein höheres Einkommen erzielen als Personen in Nordrhein-Westfalen, kann mit entsprechend großer Stichprobe fast zweifelsfrei nachgewiesen werden. Das ändert aber nichts daran, dass es Menschen in Baden-Württemberg gibt, die weniger verdienen als manche Menschen in Nordrhein-Westfalen, und dass am Stuttgarter Fasanenhof tendenziell weniger verdient wird als im Düsseldorfer Villenviertel.
Keine Frage: Gute Wissenschaftler*innen sind sich dieser Feinheiten bewusst. Viele untersuchen gezielt Unterschiede zwischen Teilgruppen (sogenannte Effektheterogenität) oder Unterschiede zwischen Individuen. Und doch ist es erstaunlich, wie oft man Verallgemeinerungen liest, die aus der Statistik nicht hervorgehen. In vielen Fällen geht es einfach um eine ungenaue Sprache. Das ist unproblematisch, wenn die Leserin oder der Leser weiß, was dahintersteckt und wie die Ergebnisse zu interpretieren sind. Aber die breitete Öffentlichkeit und ggf. auch die Journalist*innen, die darüber berichten, sind sich dessen nicht zwangsläufig bewusst. Sie geben die Ergebnisse unter Umständen so verallgemeinert weiter, wie sie dastehen, und das erzeugt ein falsches Bild von der Wirklichkeit.
Es ist nicht zu viel verlangt, dass Wissenschaftler*innen sich angewöhnen, ihre Ergebnisse sprachlich sauber zu interpretieren und zumindest an einigen zentralen Stellen den Ausdruck „im Durchschnitt“ hinzuzufügen, um deutlich zu machen, dass die Ergebnisse nicht allgemein gelten. Denn die Aufrichtigkeit, die man vom politischen Diskurs erwartet, sollte man auch selbst bereit sein, an den Tag zu legen.
Teile der Wissenschaft haben sich von realen Problemen abgewandt
Durch die Abkehr vom Konzept der Wahrheit und durch sprachliche Generalisierungen haben Teile der Wissenschaft höchstwahrscheinlich Post-truth und Populismus begünstigt. Aber das ist nicht das Einzige, was an problematischen Entwicklungen in diesem Zusammenhang festzustellen ist. Auch die Ablehnung von normativer Forschung – d.h. die Ablehnung, sich damit auseinanderzusetzen, was (gesellschaftlich) wünschenswert ist – ist eine problematische Entwicklung in der Wissenschaft. Große Gruppen von Wissenschaftler*innen betreiben Wissenschaft anscheinend als bloßen Selbstzweck, ohne sich für reale Probleme wirklich zu interessieren. Gerade bei Sozialwissenschaftler*innen wirkt diese Haltung grotesk, da hier gesellschaftlich relevante Fragestellungen naheliegend sind. Unter diesen Bedingungen ist es nicht überraschend, wenn weite Teile der Bevölkerung die Wissenschaft schließlich ablehnen und lieber einen anderen, postfaktischen und populistischen Weg einschlagen.
Institute, die von öffentlichen Geldern finanziert oder teil-finanziert werden, haben die gesellschaftliche Verantwortung, öffentlich relevante Themen zu bearbeiten oder durch Grundlagenforschung indirekt dazu beizutragen, dass solche Themen fruchtbar untersucht werden können. Darüber hinaus ist Wissenschaft aus purem Erkenntnisinteresse in einem begrenzten, gesellschaftlich akzeptierten Umfang unproblematisch. Die Wissenschaft ist aber nicht dazu da, ein Karrieresystem ohne sozialen Nutzen zu sein; so etwas brauchen wir nicht. Wissenschaft darf und soll also normativ sein in dem Sinne, dass gesellschaftlich relevante Themen, beispielsweise mit einer sozialen Zielsetzung, aufgegriffen werden. Das bedeutet nicht, dass Wissenschafter*innen sich bestimmte Ergebnisse erhoffen und auf dieser Grundlage die Analyse lenken sollten: Im Gegenteil dürfen verantwortliche Wissenschaftler*innen nur das präsentieren (und müssen das präsentieren), was aus den Fakten hervorgeht oder eben nicht hervorgeht. Dieses methodisch saubere Vorgehen darf und soll aber gern im Hinblick auf ein Thema erfolgen, das wirklich relevant ist (oder indirekt relevant ist). Siehe auch einen eigenen Post zum Thema normative Forschung.