Was „müssen“ Frauen tun? Ein Plädoyer für Freiheit statt Unfreiheit im modernen Feminismus (Kommentar zu Svenja Flaßpöhlers Buch „Die potente Frau“)

Dr. Adam Ayaita, Dezember 2018; letzte Aktualisierung im November 2021

Der Philosophin und Journalistin Svenja Flaßpöhler ist mit dem Buch „Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit“ (Berlin 2018) ein prägnantes und wichtiges Werk zum modernen Feminismus gelungen. Sie verdeutlicht darin ihre Auffassung, dass jüngste feministische Bewegungen wie „#aufschrei“ und „#metoo“ letztlich von tradierten Frauenbildern ausgingen, wonach die Frau sich in einer Opferrolle befände, und schlägt stattdessen das aktive Verfolgen eigener Interessen und des eigenen Begehrens vor. An einigen Stellen ist allerdings zu erkennen, dass (auch) Frau Flaßpöhlers Feminismus sich nicht durchgehend für die Freiheit der Frauen einsetzt, sondern ihnen bestimmte Lebensentwürfe aufzwingen will bzw. andere Lebensformen nicht respektiert.

Zunächst zum Inhalt: Die Autorin grenzt sich deutlich von den Bewegungen #aufschrei und #metoo ab, in denen (überwiegend) Frauen auf Twitter und anderen Plattformen beschreiben und anklagen, wie sie (überwiegend) von Männern belästigt und/oder genötigt wurden. Die Autorin verurteilt Vergewaltigungen, Gewalt im Allgemeinen und Nötigung. Eine Welt ohne Belästigung hält sie aber nicht für erstrebenswert. Denn: „Je nachdem, ob eine Frau einen Mann attraktiv findet oder nicht, ob sie in Stimmung ist oder nicht, und je nachdem, wie sie sozialisiert wurde, kann ein und derselbe Sprechakt, kann ein und dieselbe Geste als Verführung oder als Belästigung wahrgenommen werden (dasselbe gilt natürlich auch für den Fall, dass eine Frau einen Mann verführen will).“ Daraus folge: „Wer eine Welt ohne Belästigung will, will in letzter Konsequenz eine Welt ohne Verführung. Kein Mensch kann eine solche Welt ernsthaft wollen.“ (S. 13-14.)

Darüber hinaus wiederholten diese Bewegungen ein Bild von Frauen, das nach feministischer Vorstellung ja gerade überwunden werden solle: nämlich die Vorstellung, dass Frauen schwach und vor allem Opfer von Männer seien. In Fällen von Belästigung hätten Frauen aber die Chance, aktiv zu werden, indem sie direkt reagieren oder einfach deutlich machen, dass sie kein Interesse haben. Das „nachträgliche Anprangern von Überschreitungen“ (S. 16) sei ebenfalls nicht Ausdruck eines modernen Frauenbildes, sondern wiederhole die Vorstellung einer grundsätzlich passiven und auch negativ handelnden Frau. Schließlich würden durch #metoo – neben Männern, die tatsächlich Gewalt angewandt oder genötigt hatten – auch solche Männer an den Pranger gestellt, die sich nichts oder jedenfalls nicht bewusst etwas haben zuschulden kommen lassen. Es wäre für das Geschlechterverhältnis besser, wenn diese Männer sich äußern könnten, bevor sie öffentlich angeklagt werden.

Die Autorin äußert sich auch kritisch zur Initiative „#neinheißtnein“, die letztlich zur Verschärfung des deutschen Sexualstrafrechts beigetragen hat. Menschen (mutmaßlich vor allem Männer) machen sich nun nicht erst durch Gewalt oder Androhung von Gewalt strafbar, sondern schon dadurch, dass sie „gegen den erkennbaren Willen“ ihres Gegenübers sexuelle Handlungen vornehmen (§177 des deutschen Strafgesetzbuches). Das Prinzip „Nein heißt nein“ wiederhole in einseitiger Weise die Vorstellung einer passiven Frau, die vor dem Begehren des Mannes beschützt werden müsse. Zudem sei das Gesetz auch praktisch schwer interpretierbar (S. 25-26).

Die Autorin kritisiert zudem „Lebensformen“, in denen Frauen eine passive Rolle einnähmen und ein veraltetes Frauenbild realisierten: „Geschlechterrollen, die wir im Alltag leben, sind immer auch politisch“ (S. 29). Die Diskussion um Gina-Lisa Lohfink, die Männer angeklagt und damit zum verschärften Sexualstrafrecht mit beigetragen hatte, kritisiert die Autorin scharf. Durch ihr Handeln sei diese Frau als Vorbild in diesem Kontext ungeeignet: „Man muss es so klar sagen: Wer an Germany’s Next Topmodel mitwirkt, verrät und negiert zentrale Errungenschaften des Feminismus“ (S. 28).

Schließlich diskutiert die Autorin kritisch bisherige feministische Ansätze in der Literatur. Zunächst seien, bei Simone de Beauvoir, weibliche und männliche Stereotype als soziale Konstruktionen abgelehnt worden. Letztlich seien aber, bei Judith Butler, auch die Kategorien „weiblich“ und „männlich“ insgesamt für schädlich erklärt worden. Mit diesem dekonstruktiven Ansatz werde die Chance verpasst, die Eigenständigkeit der Frau und ihrer Sexualität zu vermitteln. (S. 30-33.)

Als Alternative schlägt die Autorin vor, dass Frauen eine aktivere Rolle einnehmen – nicht nur bei der direkten Reaktion auf Belästigungen, sondern auch wenn es um das eigene, weibliche Begehren geht, welches bei #aufschrei, #metoo, #neinheißtnein und sogar im bisherigen feministischen Diskurs keine hinreichende Rolle spiele. Ausgehend von der philosophischen Schule der „Neuen Phänomenologie“ und biologischen Beschreibungen definiert die Autorin eine kulturelle Rolle der Frau, die von aktivem Verführen und der Nutzung realer Möglichkeiten im Leben insgesamt geprägt ist.

Das Buch von Svenja Flaßpöhler ist gelungen und wichtig, weil es nachvollziehbar Elemente eines antiquierten Frauenbildes in (scheinbar?) feministischen Bewegungen herausarbeitet und diesem Problem einen eigenständigen, interessanten Lösungsvorschlag gegenüberstellt. Eine Frage ist allerdings, inwieweit der so herausgearbeitete Feminismus tatsächlich Freiheit ermöglicht oder auf andere Weise Freiheit einschränkt.

Zunächst eine Anmerkung zu Frau Flaßpöhlers Kritik an #metoo und ihrer Toleranz gegenüber Belästigung: Es ist meines Erachtens problematisch, zu behaupten, eine Welt ohne Belästigung führe zu einer „Welt ohne Verführung“ und sei deshalb nicht erstrebenswert. Ich behaupte, dass die meisten Männer sehr genau wissen, ob sie auf Augenhöhe flirten oder sich über den Willen ihres Gegenübers hinwegsetzen, um ihre (vermeintliche) männliche Macht auszuspielen. Menschen spüren im Allgemeinen genau, ob eine solche Hierarchie aufgestellt werden soll. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht im Einzelfall zu Missverständnissen oder auch gezielten Falschbeschuldigungen kommen kann. Zunächst muss die Unschuldsvermutung gelten. Aber dass Verführung und Belästigung so nah beieinander lägen, wie die Autorin behauptet, erschließt sich mir nicht. Eher ist davon auszugehen, dass #metoo zu Recht auf das Problem aufmerksam gemacht hat, dass manche Männer eine gesellschaftlich konstruierte Überlegenheit ausspielen wollen, die ihnen nicht zusteht, und damit dem Verhältnis der Geschlechter sowie dem Zusammenleben insgesamt schaden. Und deshalb war die Bewegung gut und richtig – natürlich im besten Fall als Ergänzung zur direkten Kommunikation.

Ein grundlegendes Problem von Frau Flaßpöhlers feministischem Ansatz sehe ich darin, dass er – trotz des Aufrufs zur Aktivität – die Freiheit von Frauen nicht durchweg befördern, sondern anscheinend auch einschränken will. So heißt es schon im Klappentext: „Frauen müssen endlich den Mut haben, ihr eigenes Begehren zu leben.“ Wieso müssen Frauen überhaupt etwas Bestimmtes tun (abgesehen von der Einhaltung der Gesetze)? Geht es nicht gerade auch darum, dass jede Frau – wie jeder Mensch – sich selbst ohne Zwang verwirklichen können soll?

Deutlicher wird dieser Punkt im Verlauf des Buches. So halte ich insbesondere die scharfe Kritik an bestimmten „Lebensformen“ für problematisch. Wenn eine Frau sich frei entscheidet, als Model in einer bestimmten Sendung zu arbeiten, kann man diese Entscheidung dann allein deshalb verurteilen und als Verrat bezeichnen, weil sie (möglicherweise) im Widerspruch zu einer aktiven Rolle der Frau steht? Natürlich soll und muss eine Frau die reale Möglichkeit haben, Berufe zu ergreifen, die traditionell von Männern dominiert sind oder waren. Zur Freiheit gehört aber auch, dass man ebenso einen anderen Beruf ergreifen kann, der möglicherweise dem traditionellen Rollenverständnis entspricht (oder auch nicht). Feminismus und Emanzipation lassen sich nicht dadurch erreichen, dass man durch individuelle Entscheidungen „beweisen“ muss, dass man emanzipiert ist. Vielmehr zeigt sich eine emanzipierte Haltung darin, dass man selbstbestimmt entscheidet, ohne auf die Rollenvorstellungen anderer Rücksicht zu nehmen.

Das heißt im Klartext: Eine emanzipierte, moderne Frau kann natürlich genauso gut als Model in irgendeiner Sendung arbeiten oder als Elektroingenieurin im Unternehmen aufsteigen. Beides muss möglich sein. Wer hier Einschränkungen vornehmen will, sollte sich bewusst sein, dass er oder sie letztlich schon wieder die Freiheit von Frauen zugunsten von gesellschaftlichen Vorstellungen begrenzt – also im Prinzip gerade das tut, was man selbst kritisiert hat. Männer sind im Grundsatz frei, ob sie Ingenieure, Models, Manager oder Erzieher werden. Wenn Frauen aber nur noch Ingenieure und Manager sein sollen, aber nicht mehr Models oder Erzieherinnen sein dürfen (zugespitzt gesagt), dann entsteht eine neue Form der speziell auf Frauen gerichteten Unfreiheit.

Später heißt es: „Auch Frauen sind verpflichtet, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien und die ihnen durch jahrhundertelangen Emanzipationskampf bereitgestellte Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Existenz willentlich zu ergreifen oder dies zumindest ernsthaft zu versuchen“ (S. 29). Selbstverständlich ist es zu begrüßen, wenn alle Menschen und dabei insbesondere auch Frauen eine selbstbestimmte Existenz führen können und daran in keiner Weise gehindert, besser sogar darin gefördert werden. Doch der Ausdruck „verpflichtet“ irritiert. Geht es nicht gerade darum, dass Frauen ihrem Willen („willentlich“) folgen sollen? Woher kommt dann die Verpflichtung?

Während sie den wissenschaftlichen Feminismus diskutiert, erklärt Frau Flaßpöhler, dass sie sich in früheren Jahren während der Beschäftigung mit diesen Texten selbst unter Druck setzte: „Ich begann mithin, nicht nur meine konkreten Liebesverhältnisse, sondern auch meine Heterosexualität selbst als hochproblematisch wahrzunehmen, und zog den mir einzig naheliegenden Schluss: Du musst dein Begehren ändern“ (S. 33). Auch hier taucht also wieder eine Form des Ausdrucks „müssen“ auf: Um sicherzustellen, dass man emanzipiert ist, „müsse“ man dieser Logik zufolge einen bestimmten Weg einschlagen, eine bestimmte Lebensweise annehmen. Immerhin verwirft die Autorin diesen einschränkenden Gedanken später. Im späteren Teil des Buches, der mir insgesamt stärker erscheint, heißt es beispielsweise: „Ich kann – aber ich muss nicht; Hauptsache, ich werde die, die ich bin“ (S. 39).

Ich bin Feminist, weil ich Humanist bin. Mein Ziel ist die möglichst freie Verwirklichung der Menschen. Deshalb ist ein Feminismus für mich nur insoweit überzeugend, als er Freiheit ermöglicht und befördert – anstatt, in welcher Art auch immer, neue Unfreiheiten zu propagieren.

Natürlich dürfen wir nicht naiv sein und müssen uns auch kritisch damit auseinander setzen, wie ein Wille entsteht: Ist das, was als freier Wille erscheint, tatsächlich frei entstanden oder schon das Resultat sozialer Stereotype und Beeinflussungen? Deshalb ist es wichtig, gerade Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten aufzuzeigen und sich geschlechtsspezifische Stereotype bewusst zu machen, so dass diese nicht unterschwellig weitergetragen werden. Wenn dann aber ein Wille entsteht, dann sollte dieser grundsätzlich auch respektiert werden – unabhängig davon, ob er Frau Flaßpöhler oder anderen politisch genehm ist.

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