Dr. Adam Ayaita, Mai 2019; letzte Aktualisierung im Dezember 2021
Identität ist auch in Deutschland verstärkt zu einem politischen Thema geworden. In Zeiten, die stark von Globalisierung, Migration und Flucht gekennzeichnet sind, treten sogenannte „Identitäre“ auf, die mit einer durch Kultur, Ethnie und Abstammung aufgeladenen deutschen Identität politisch rechte Positionen begründen. Gleichzeitig versucht „Identitätspolitik“, die vor allem aus den Vereinigten Staaten bekannt ist, Gruppen mit bestimmten Identitäten (etwa einer afroamerikanischen Identität) gezielt zu fördern. Identität wird häufig auch als Grundvoraussetzung der Antidiskriminierungspolitik verstanden: So sollten Menschen, die etwa eine weibliche, intersexuelle, homosexuelle, schwarze, arabische oder islamische Identität besitzen, geschützt werden vor Anfeindungen und Benachteiligungen, die von einem Teil der Mehrheitsgesellschaft ausgehen.
Unter anderem durch einen umstrittenen Beitrag des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer ist eine kontroverse gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit Identität in Deutschland ausgelöst worden. Palmer äußerte sich kritisch über ein Werbebild der Deutschen Bahn, das Menschen mit Migrationshintergrund und dabei überwiegend Menschen mit dunklerer Haut zeigte („Welche Gesellschaft soll das abbilden?“, fragte Palmer auf Facebook). Später erklärte er, dass er es problematisch finde, wenn Minderheiten gezielt in den Vordergrund gerückt werden, weil viele Menschen in der Mehrheitsgesellschaft dies als ungerechtfertigte Benachteiligung empfänden und sich dadurch die Spaltung in der Gesellschaft verstärke. Er spricht sich deshalb gegen Identitätspolitik aus.
Eine kritische Haltung zur Identitätspolitik hat auch Francis Fukuyama, Politikwissenschaftler an der Stanford University. In einem Interview mit Süddeutsche Online erklärte er, dass das Aufteilen von Menschen in feststehende „Identitätsgruppen“ im Widerspruch zu unseren demokratischen Grundwerten stehe, die nämlich immer am Individuum orientiert seien. Zudem werde die Annahme feststehender Identitätsgruppen der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht.
Ausgehend von diesen Beobachtungen und Ansätzen wird in diesem Beitrag die Frage behandelt, wie der politische Diskurs über Identität versachlicht werden kann. Diese Versachlichung soll die Grundlage dafür darstellen, einen für viele Menschen überzeugenden und annehmbaren Konsens erreichen zu können.
Identität ist letztlich selbstgewählt
Ein Problem in weiten Teilen der Debatte über Identität ist die Tendenz, verschiedene Themen miteinander zu vermischen. So wird auf die Darstellung von nicht-weißen Menschen schnell mit Diskussionen über „Multikulturalismus“ oder „Multikulti“ reagiert. Das macht aber wenig Sinn, denn nicht-weiße Menschen sind einfach Menschen mit dunklerer Haut. Welche Staatsbürgerschaft sie besitzen, wo sie geboren worden sind, welcher Kultur ihr Denken und Handeln entspricht und womit sie sich identifizieren, ist völlig unklar und kann in jedem Einzelfall anders sein. Wie ich unter anderem aus eigenen Erfahrungen weiß, kann man einen (persönlichen oder familiären) Migrationshintergrund haben, auch einen Migrationshintergrund aus mehrheitlich muslimischen Staaten, und sich gleichzeitig überwiegend oder ausschließlich mit Deutschland und den Deutschen identifizieren. Das Umgekehrte ist genauso möglich und zulässig: Deutschstämmige können für sich feststellen, dass sie sich z.B. in Moscheen und/oder arabisch oder türkisch geprägten Gegenden wohl fühlen. Identität ist frei; Identität ist Freiheit.
Es könnte argumentiert werden, dass bei jemandem, die nicht weiß ist oder die einen ausländisch klingenden Namen hat, die Wahrscheinlichkeit höher ist, sich mit „fremden Kulturen“ zu identifizieren, als bei jemandem, der weiß ist und einen deutsch klingenden Namen trägt. Dieser bloße Verweis auf mutmaßliche Wahrscheinlichkeiten darf in einer demokratisch-rechtsstaatlichen Gesellschaft jedoch nicht dazu führen, Menschen ihr Recht auf Freiheit – und damit auch ihr Recht auf die kulturelle Selbstbestimmung – vorzuenthalten. Wer Menschen auf Grund von scheinbaren oder tatsächlichen Wahrscheinlichkeiten in feststehende Kategorien einsortiert, schränkt damit nicht nur die eigene Wahrnehmung ein, sondern geht auch den ersten Schritt in Richtung Separation, weil er aktiv das „Fremde“ konstruiert. Dieses „Othering“ ist ein Merkmal von Rassismus und kann in Stigmatisierung und Diskriminierung übergehen. Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt werden damit unmöglich.
Auch sachlogisch ist es nicht einleuchtend, weshalb die Einteilung von Menschen in Identitätsgruppen angemessen sein sollte. Gehen wir einmal von dem einfachen Fall aus, dass ein Mensch mit Migrationshintergrund mit zwei Eltern in Deutschland aufwächst. Selbst wenn beide Eltern aus dem Ausland stammen und eine ausländische Kultur vertreten, ist das Kind in der Regel durch Kindergarten, Schule und die Umgebung immer wieder mit verschiedenen Aspekten der deutschen Kulturen konfrontiert. Selbst wenn der familiäre Hintergrund 50% der Prägung ausmachen sollte, ist ein solches Kind also immer noch zu 50% deutsch geprägt. Bei Kindern mit Migrationshintergrund, die ein deutsches und ein ausländisches Elternteil besitzen, liegt der Anteil der deutschen Prägung entsprechend noch höher. Zudem können auch Eltern (oder Elternteile), die aus dem Ausland stammen, schon lange in Deutschland leben. Der tatsächliche Einfluss ausländischer Kultur und Identität muss in der Wirklichkeit also nicht hoch sein.
Diese Überlegungen werden durch empirische Befunde unterstützt. Nach einer repräsentativen und anonymen Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bekennen sich viele Menschen, die einen muslimischen Migrationshintergrund (d.h. Migrationshintergrund aus mehrheitlich muslimischen Staaten) besitzen, nicht zum Islam: Während es insgesamt ca. 5 Millionen Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund in Deutschland gibt, schreiben sich nur 2,7 Millionen Erwachsene eine islamische Religion zu. Und nach der repräsentativen und anonymen Erwachsenenbefragung des Nationalen Bildungspanels, die ich selbst dahingehend ausgewertet habe, liegt bei deutschen Staatsbürger*innen mit muslimischem Migrationshintergrund, die in Deutschland aufgewachsen sind und hier einen Schulabschluss erreicht haben, der Anteil der bekennenden Muslim*innen nur bei 44,2% (30,2% ordnen sich keiner Religion zu, 20,9% dem Christentum und 2,3% einer anderen Religion; 2,3% haben keine Angabe dazu gemacht).
Auch zwischen Namen und der eigenen Kultur (oder Identität) gibt es keinen zwangsläufigen Zusammenhang. Das wird schon allein dadurch klar, dass der Nachname – teils über viele Generationen – vererbt wird und der Vorname vor der Geburt von den Eltern festgelegt wird (deren Namenswahl alle möglichen Gründe haben kann). Die ganze Sozialisierung des Menschen findet erst danach statt. Ich bin dafür ein gutes Beispiel. Der Vorname, mit dem ich geboren worden bin, setzte sich aus einem Namen eines marokkanischen Urgroßvaters (Omar) und dem Vornamen eines deutschen Urgroßvaters (Adam) zusammen. Im Jahr 2017 entschied ich mich für den deutschen Vornamen. Einerseits wollte ich damit organisatorische Hindernisse vermeiden, da der vollständige Geburtsname stärker arabisch klang und es auf dieser Grundlage zu Diskriminierung kommen konnte (etwa auf dem Wohnungsmarkt und bei der Beantragung von US-Visa). Andererseits drückt der Name Adam auch meine kulturelle Identität besser aus und war immer der von mir präferierte Vorname. Dennoch war ich vorher kein anderer Mensch als heute: Eine Konfession hatte ich nie, meine Wertvorstellungen waren immer christlich-abendländisch und humanistisch geprägt. Mein Respekt vor allen Kulturen und Religionen der Welt – sofern sie friedlich ausgelegt werden – gilt vorher wie nachher. Ich bin mit der deutschen Sprache aufgewachsen, habe Englisch, Latein und Altgriechisch gelernt und bin keiner arabischen Sprache mächtig. Zahlreichen Menschen mit Migrationshintergrund, die ich kenne, geht es ähnlich; es gibt da ein großes Spektrum der kulturellen Verortung.
Problem der Identitätspolitik als Antidiskriminierungspolitik
Anzuerkennen, dass Identität letztlich selbstgewählt ist, macht ein Problem der Identitätspolitik als Antidiskriminierungspolitik deutlich. Dieser Ansatz, der den Schutz vor Diskriminierung auf Identitätsgruppen gründet, unterstellt implizit, dass Menschen nur auf Grund ihrer Identitäten diskriminiert würden. Das stimmt aber nicht, denn es ist vielfach nachgewiesen worden, dass Diskriminierung häufig auf Grundlage von äußeren Merkmalen stattfindet, wie zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt und mitunter sogar in der Schule auf Grund des Namens sowie auf dem Finanzmarkt auf Grund der Hautfarbe. Wie oben beschrieben, kann auf Grund solcher äußerer Merkmale aber nicht auf die Identität geschlossen werden. Daher können auch Personen ohne eine ausländische oder spezifisch afroamerikanische Identität von Diskriminierung betroffen sein, wenn sie entsprechende äußere Merkmale (einen ausländisch klingenden Namen, dunklere Haut etc.) besitzen. Wenn man unterstellt, dass Menschen nur auf Grund ihrer Identität diskriminiert würden, vernachlässigt man demnach einen erheblichen Teil der Diskriminierung.
Dass Menschen von Diskriminierung betroffen sind, muss also nicht auf die Identität dieser Menschen zurückzuführen sein. Aber die Diskriminierung kann ihrerseits Identität stiften: Menschen können sich mit anderen identifizieren und solidarisieren, die ebenfalls Stereotypisierung (d.h. die Konfrontation mit Vorurteilen), Stigmatisierung und Diskriminierung auf Grund von ähnlichen Merkmalen erleben. Das ist meines Erachtens der einzige Sinn, der in der Identitätspolitik zu sehen ist: der Versuch, auf Stereotypisierung, Stigmatisierung und Diskriminierung konstruktiv zu reagieren, indem man Gruppen definiert, die zuvor vielleicht gar nicht als Gruppe bestanden haben, sich mit diesen spezifischen Gruppen bzw. als Gruppe solidarisiert und Rechte einfordert. Dabei ist darauf zu achten, dass nicht der falsche und anti-freiheitliche Eindruck erweckt wird, die von außen zugeschriebene Identität müsse zwangsläufig der eigenen kulturellen Identität entsprechen.
Demnach ist Identitätspolitik nur ein möglichst vorübergehendes Hilfsmittel, das in dem Moment überflüssig würde, in dem die Stereotypisierung, Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit bestimmten Merkmalen endet. Und selbstverständlich kann das Ziel vernünftigerweise nur in der Chancengleichheit aller bestehen, nicht in einer Umkehr der Benachteiligung gegen Gruppen, die bislang eher im Vorteil sind.