Dr. Adam Ayaita, April 2020; letzte Aktualisierung im Januar 2023
In Deutschland finden zunehmend Debatten über das Thema Rassismus statt. Früher war in entsprechenden Fällen viel eher von ‚Ausländerfeindlichkeit‘ oder ‚Fremdenfeindlichkeit‘ gesprochen worden, womit suggeriert wurde, bei den Betroffenen handele es sich ausschließlich um Ausländer oder Fremde. Tatsächlich waren die Opfer nur zum Teil Ausländer oder ‚Fremde‘ (was auch nichts daran ändert, dass sie Menschen waren und ihre Würde hätte geschützt sein müssen); zum Teil waren es deutsche Staatsbürger und/oder Menschen, die seit langer Zeit oder schon ihr ganzes Leben in Deutschland sind. Interessanterweise entspricht gerade diese Suggerierung, es handele sich bei den Opfern um Ausländer oder Fremde, einem Teil der rassistischen Nazi-Ideologie, wonach alle, die nicht ausschließlich deutscher Abstammung sind, grundsätzlich Fremde seien.
Seit nun der Begriff Rassismus zunehmend zur Beschreibung gesellschaftlicher Probleme verwendet wird, gibt es Debatten darüber, in welchen Fällen tatsächlich Rassismus vorliegt. Von vielen Kommentatoren wird dabei die Auffassung vertreten, der Begriff Rassismus werde inflationär gebraucht, d.h., der Rassismus-Vorwurf werde zu häufig und zu leichtfertig erhoben.
Ein Argument lautet, dass nur gewalttätige Nazis Rassisten seien. Diese Position findet man nicht nur bei einigen Personen in Ostdeutschland, sondern zum Beispiel suggerierte auch der baden-württembergische Grünen-Politiker Boris Palmer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Rassisten seien gewalttätige Nazis (um damit einige seine eigenen Äußerungen vom Vorwurf des Rassismus reinzuwaschen). Das Argument, erst bei dieser extremen Form von Rassismus handele es sich um Rassismus, ist unhaltbar. Jede Herabsetzung oder Benachteiligung auf Grund der (mutmaßlichen) Abstammung ist per Definition Rassismus. Und natürlich gibt es Rassismus wie andere gesellschaftliche Phänomene in verschiedenen Formen und verschiedenen Abstufungen. Luftverschmutzung findet in den Vereinigten Staaten stärker statt als in Deutschland, doch auch in Deutschland wird die Luft verschmutzt. Der bloße Verweis auf noch extremere Fälle ändert nichts an der Existenz eines Problems.
Ein weiteres Argument lautet, dass viele gesellschaftliche Probleme in Wahrheit kein Rassismus seien, weil es den Tätern nicht um die Hautfarbe oder ‚Rasse‘, sondern um die Kultur der betroffenen Personen gehe. Diese Position hört man zum Teil auch bei Soziologen. Demnach liege lediglich ‚kulturelle Diskriminierung‘ vor, was auch als ‚kultureller Rassismus‘ bezeichnet werden kann. Der sei aber kein Rassismus im eigentlichen Sinne – und demnach (mutmaßlich) weniger problematisch. Mit dieser Position möchte ich mich in diesem Beitrag auseinandersetzen.
Vielen Tätern geht es eher um die Kultur als die Hautfarbe
Die (mutmaßlich) rassistischen Verhaltensweisen, um die es geht, reichen von hartnäckigen skeptischen Fragen über besondere Distanz im Alltag, Benachteiligung bei gleicher Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt bis hin zu gewalttätigen Angriffen wie zuletzt bei dem besonders extremen Fall in einer Shisha-Bar in Hanau. Vermutlich ist es wahr, dass es den meisten Tätern dabei nicht primär um die Hautfarbe geht. Die Sorgen, Ängste, Ablehnung und Hass, die vielfach ausgedrückt werden, beziehen sich häufig eher auf die (mutmaßliche) Kultur der Betroffenen.
Die pauschale Ablehnung ganzer Kulturen ist mehr als fragwürdig
Dass kulturelle Zuschreibungen eine große Rolle spielen, bedeutet allerdings nicht, dass es sich nicht um Rassismus handelt. Zum einen ist die pauschale Ablehnung ganzer Kulturen oder Gesellschaften hochproblematisch. Um zuverlässig eine pauschale Aussage über alle Menschen einer Kultur treffen zu können, müsste man alle Menschen dieser Kultur hinreichend kennen – diese Bedingung ist in der Praxis nicht erfüllt. Kulturen sind nicht homogen, sondern kein Mensch gleicht vollständig einem anderen. Nicht alle Deutschen (und auch nicht alle „Biodeutschen“) denken und handeln gleich; auch deshalb gibt es keinen Grund, eine solche Homogenität anderen Kulturen zu unterstellen. Und genauso, wie nicht alle Deutschen in der Nazi-Zeit Nazis waren und nicht alle Bewohner der DDR gegen Freiheit waren, sind auch heute im mehrheitlich islamischen Raum nicht alle konservativ eingestellt; einige Menschen sterben dort sogar, weil sie sich etwa für Frauenrechte einsetzen. Der Fehler, ‚andere‘ Kulturen oder Gruppen für homogen zu halten, ist ein klassischer psychologischer Trugschluss (Fiske 1998). Wer sich mit Statistik beschäftigt, weiß, dass es neben Mittelwerten (also Durchschnittswerten) stets auch eine Standardabweichung gibt, d.h. die Abweichung einzelner Individuen von ihrem Gruppen-Mittelwert. Angemerkt sei auch, dass Kulturen sich verändern können; diese Entwicklung kann blockiert, zugelassen oder gefördert werden.
Es ist außerdem nirgendwo festgeschrieben, dass eine bestimmte Kultur in Deutschland zu gelten habe und andere Kulturen nicht. Es gibt keine Pflicht zu einer bestimmen ‚Leitkultur‘. Eine solche Pflicht ließe sich auch schwer definieren, weil selbst unter deutschen Staatsbürgern von Flensburg bis Sonthofen und von Aachen bis Görlitz höchst verschiedene Vorstellungen existieren. Die entscheidende Grundlage für das Zusammenleben sind demnach die geltenden Gesetze.
Kulturelle Zuschreibungen finden oft auf Grund der Abstammung statt
Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb der kulturelle Rassismus tatsächlich eine Form von Rassismus sein kann; und dieser Grund erklärt auch, weshalb es sich um ‚echten‘ Rassismus handelt. Denn worauf basiert die Zuschreibung von kultureller Fremdheit (und Minderwertigkeit) durch die Täter? Die Zuschreibung basiert häufig auf der (mutmaßlichen) Abstammung. Einem Ali wird häufig nicht erst dann kulturelle Fremdheit unterstellt, wenn er sich auf eine bestimmte Weise verhält, sondern schon in dem Moment, in dem seine Abstammung (durch Aussehen und/oder Name) annähernd sichtbar wird. Aus der (mutmaßlichen) Abstammung werden also Schlüsse auf die mutmaßliche kulturelle Identität gezogen, und weil diese Kultur von vielen abgelehnt wird, folgt möglicherweise eine Ablehnung oder Benachteiligung der Person. Der kulturelle Rassismus kann demnach die folgende Struktur haben:
(Mutmaßliche) Abstammung -> mutmaßliche Kultur -> Ablehnung/Benachteiligung
Demnach scheint es zwar, dass der Rassismus kulturell motiviert ist. Tatsächlich basiert er letztlich aber auf der (mutmaßlichen) Abstammung, aus der die Behauptung einer kulturellen Fremdheit (und Minderwertigkeit) gefolgert wird. Weil ein solcher kultureller Rassismus demnach eine Benachteiligung auf Grund der (mutmaßlichen) Abstammung darstellt, handelt es sich um echten Rassismus. Ali kann in manchen Situationen schon allein auf Grund der vermuteten Abstammung diskriminiert werden; seine kulturelle Einstellung war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sichtbar und wird lediglich vom Täter als mögliche Begründung herangezogen.
Dass der ‚klassische‘, Abstammungs-basierte Rassismus und der kulturelle Rassismus eng zusammenhängen können, wird auch am US-amerikanischen Beispiel deutlich. Schwarze erfahren ja nicht nur deshalb Diskriminierung, weil manche die Hautfarbe und Abstammung an sich nicht mögen, sondern weil ihnen häufig auf Grund ihrer Hautfarbe bestimmte negative Eigenschaften und eine weniger vorteilhafte oder weniger ‚passende‘ Kultur zugeschrieben werden (Agan/Starr 2018). Der Film Green Book, der an wahre historische Gegebenheiten angelehnt ist, macht die Rolle solcher kulturellen Stereotype auf Grund der Hautfarbe eindrücklich deutlich.
Der pauschale Schluss von der Abstammung auf die Kultur ist nicht haltbar
Selbst wenn die Abstammung korrekt identifiziert wird, ist der Schluss von der Abstammung auf die Kultur, der beim kulturellen Rassismus vollzogen wird, hochproblematisch. Zum einen gibt es (wie oben beschrieben) keine vollständig homogenen Kulturen, so dass immer zwischen verschiedenen Menschen unterschieden werden muss. Zum anderen werden Menschen nicht nur durch ihre Abstammung geprägt; wie ich im Folgenden beschreibe, sind Menschen, die in einem bestimmten Land leben, kulturell nicht identisch mit den Personen in dem ausländischen Land, aus dem sie ursprünglich stammen.
Das offensichtlichste Beispiel dafür sind Menschen, die als Babys adoptiert wurden: Sie mögen ausländisch aussehen und eine ausländische Abstammung haben, doch sie haben keine Erinnerung an ihr Ursprungsland, und ihre Kultur ist stärker durch das Land geprägt, in dem sie aufwachsen. Aber auch wenn man von Adoptierten absieht, determiniert die Abstammung keinesfalls die Kultur. Ich weiß aus zahlreichen persönlichen Erfahrungen – unter anderem stammt die Hälfte meiner Familie aus Nordafrika – dass von der Abstammung bei weitem nicht mit Sicherheit auf die Kultur (im Sinne von Religion, Sprache, Wertvorstellungen und Verhaltensgrundsätzen) geschlossen werden kann. Vielmehr ist die Kultur von Personen mit Migrationshintergrund (unabhängig vom Ursprungsland) sehr vielschichtig und überschneidet sich mit der Mehrheitsbevölkerung. Eine wissenschaftliche Studie hat gezeigt, dass die Wertvorstellungen von (inner-europäischen) Migrant*innen den durchschnittlichen Werten im Aufenthaltsland sogar ähnlicher sind als den durchschnittlichen Werten im Ursprungsland (Rudnev 2014).
Allgemein können Migrant*innen sich schon zu dem Zeitpunkt, in dem sie migrieren, systematisch von den Personen unterscheiden, die im Ursprungsland bleiben, weil Personen mit bestimmten Wertvorstellungen eher (in bestimmte Länder) migrieren. Dieses Phänomen wird als Selbstselektion bezeichnet. Zum Beispiel ist es plausibel – und deckt sich mit meiner Erfahrung – dass Menschen, die mit dem extrem konservativen islamischen Leben in ihrem Ursprungsland nicht zufrieden sind, manchmal gezielt in andere Länder auswandern. Empirische Studien haben Belege für Selbstselektionseffekte bei Migrant*innen gefunden (Bütikofer/Peri 2021; Silventoinen et al. 2008).
Ein weiterer Faktor ist natürlich, dass Menschen sich nach einer Migration verändern, d.h. in irgendeiner Form an ihr neues Aufenthaltsland anpassen. Schon nach wenigen Monaten oder Jahren haben sich Menschen ein Stück weit an ihre neue Umgebung angepasst und empfinden die frühere Heimat evtl. als etwas fremd (umgekehrter Kulturschock). So zeigen empirische Studien, dass die Werthaltungen, die von Migrant*innen vertreten werden, sich nach der Migration in statistisch signifikanter Weise verändern können (Lönnqvist/Jasinskaja-Lahti/Verkasalo 2011).
Auch bei Geflüchteten ist bei weitem kein sicherer Schluss von der Abstammung auf die Kultur möglich. In einer Doktorarbeit wurde unter anderem eine repräsentative und anonyme Befragung von Personen, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland geflüchtet sind, ausgewertet (Stötzer 2021: S. 72-73). Die Ergebnisse zeigen, dass – entgegen einem weit verbreiteten Stereotyp – über 96% der Geflüchteten eine mittlere bis hohe Präferenz für Gleichstellung der Geschlechter haben und dass über 78% von ihnen für vollständige Gleichberechtigung von Frauen und Männern sind. Mit einer ähnlichen Datengrundlage hat eine weitere Studie gezeigt, dass Geflüchtete im Durchschnitt eine größere Zustimmung zu liberalen demokratischen Werten ausdrücken als die allgemeine Bevölkerung in ihrem jeweiligen Herkunftsland – und dass dieser Unterschied am besten durch Selbstselektion erklärt werden kann, indem Personen mit stärkeren liberalen demokratischen Werten eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, nach Deutschland zu migrieren (Fuchs 2022).
Allgemein sind sogenannte Migranten der zweiten Generation, d.h. Kinder von Migranten, an die Werte im Aufenthaltsland durchschnittlich noch stärker angepasst als die erste Zuwanderergeneration, sowohl bei europäischer als auch bei nicht-europäischer Abstammung (Schiefer 2012; Blau et al. 2020).
Die Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Werthaltungen von Personen mit nicht-deutschen vs. ausschließlich deutschen Wurzeln sind statistisch weitgehend identisch, wenn man deutsche Staatsbürger*innen betrachtet, die in Deutschland aufgewachsen sind und hier einen Schulabschluss erreicht haben. Das hat eine eigene Studie (Ayaita 2023) gezeigt, in der ich eine repräsentative und anonyme Befragung der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland, die in den Jahren 2015/16 durchgeführt wurde, ausgewertet habe. Statistische Unterschiede zwischen den Gruppen sind überwiegend nicht statistisch signifikant, und die einzigen Unterschiede, die signifikant sind, sind größenmäßig eher klein (Beträge zwischen 4,1 und 9,5%). Dagegen sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Individuen innerhalb jeder Gruppe deutlich größer. Weitere Analysen dieser Daten haben gezeigt, dass es – im Hinblick auf jede der untersuchten Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Werthaltungen – in jeder Gruppe und auch in jeder Untergruppe der Personen mit nicht-deutschen Wurzeln sowohl Personen gibt, die niedrigere Ausprägungen als einige Personen mit deutschen Wurzeln haben, als auch Personen, die höhere Ausprägungen als einige Personen mit deutschen Wurzeln haben. Ein Schubladendenken steht damit im Widerspruch zu den Fakten.
Zu berücksichtigen ist auch, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund ein deutsches und ein ausländisches Elternteil haben, so dass bereits die Abstammung gemischt und nicht ‚rein ausländisch‘ ist.
Der Schluss von einer ausländischen Abstammung auf die Kultur würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass wir vermutlich alle eine ausländische (z.B. afrikanische) Kultur vertreten müssten, weil der Mensch ursprünglich von dort stammt – eine absurde Schlussfolgerung. Und wenn aus der Abstammung über mehrere Generationen die Kultur folgen würde, könnte man eine relative Mehrheit der heutigen sogenannten Biodeutschen als Nazis bezeichnen – was ebenfalls absurd ist.
Engere persönliche Kontakte würden helfen
Wie erklärt sich die Ignoranz gegenüber kultureller Vielfalt; die Tendenz, Menschen mit ausländischen Wurzeln als etwas grundlegend Fremdes anzusehen? Mangelnde persönliche Erfahrungen spielen hier sicher eine Rolle. Die Ergebnisse einer Studie deuten darauf hin, dass die bloße Präsenz von Menschen mit ausländischen Wurzeln in der Nachbarschaft eher zu negativen Einstellungen bei der Mehrheitsbevölkerung führt, dass aber ein engerer Kontakt im privaten oder beruflichen Umfeld positivere Einstellungen zur Folge hat (Dustmann/Vasiljeva/Damm 2019).
Daher sind die folgenden Zahlen bedenklich. Aus einer umfassenden, annähernd repräsentativen Befragung der Bevölkerung in Deutschland (dem sogenannten Sozio-oekonomischen Panel) geht hervor, dass über die Hälfte der Personen ohne Migrationshintergrund (51,2%) keine einzige Person mit Migrationshintergrund in ihrem Freundeskreis haben (siehe Abbildung). Nur ein kleiner Anteil von insgesamt 12,8% der Befragten ohne Migrationshintergrund hat einen Freundeskreis, in dem ca. ein Viertel oder mehr Migrationshintergrund haben. Dagegen haben Personen mit Migrationshintergrund, insbesondere mit indirektem Migrationshintergrund, durchschnittlich eine ausgeglichenere Bilanz.
