Das Problem der Stereotypisierung

Dr. Adam Ayaita, April 2024

Stereotypisierung kann als ein Prozess verstanden werden, bei dem ein Individuum als Mitglied einer bestimmten Gruppe betrachtet wird und dem Individuum auf dieser Grundlage bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, die mit dieser Gruppe assoziiert werden. Ein fiktives Beispiel für Stereotypisierung ist die folgende Aussage: „Du bist doch bestimmt aus dem Saarland. Saarländer essen viele Kartoffeln. Also isst Du viele Kartoffeln.“ In diesem Beitrag beschreibe ich, weshalb viele Fälle von Stereotypisierung problematisch sind.

Stereotype vs. Stereotypisierung

Stereotypisierung ist nicht identisch mit Stereotypen. Bei Stereotypen handelt es sich – bei weiter Definition – um Aussagen über Gruppen (z.B. Hilton & von Hippel, 1996). Die Aussage „Das durchschnittliche Einkommen im Saarland beträgt 3.500 €“ kann demnach als ein Stereotyp (im weiten Sinne) verstanden werden, weil damit eine Aussage über die Gruppe der Menschen, die im Saarland leben oder arbeiten, getroffen wird. Eine solche Aussage ist (im Allgemeinen) nicht problematisch. Sie ist klar als statistische Aussage gekennzeichnet („durchschnittlich“), und es ist möglich, dass eine solche (oder ähnliche) Aussage statistisch korrekt ist.

Meist wird unter einem Stereotyp allerdings nicht lediglich eine Aussage über eine Gruppe verstanden, sondern eine übermäßig vereinfachte Vorstellung von einer Gruppe (vgl. Beitrag zu Stereotypen). Dabei wird nicht eine gerechtfertigte statistische Aussage über eine Gruppe getroffen, sondern es wird eine unpräzise und undifferenzierte Vorstellung ausgedrückt, die auf viele Individuen in der Gruppe tatsächlich nicht zutrifft und möglicherweise auch die Gruppe insgesamt verzerrt darstellt. Ein Beispiel wäre die Aussage „Deutsche tragen Lederhose.“ Tatsächlich tragen viele Deutsche – vermutlich sogar die meisten – in vielen Situationen keine Lederhose. Somit trifft das Stereotyp auf viele Deutsche nicht zu und stellt Deutsche insgesamt eher verzerrt dar. Das Beispiel mit der Lederhose ist vermutlich unschädlich. Aber man kann sich einfach andere Beispiele denken (und beobachten), in denen mit übermäßig vereinfachten Stereotypen, die auf viele Individuen einer Gruppe tatsächlich nicht zutreffen, eine gefährliche negative Stimmung gegen bestimmte Gruppen gemacht wird.

Während es sich bei Stereotypen um Vorstellungen von Gruppen handelt, ist die Stereotypisierung die Anwendung von Stereotypen auf Individuen, die der jeweiligen Gruppe zugeordnet werden. Die Aussage „Saarländer essen viele Kartoffeln“ ist ein Stereotyp, weil es eine Vorstellung von der Gruppe der Saarländer ausdrückt. Die Aussagen „Du bist doch bestimmt aus dem Saarland. Also isst Du viele Kartoffeln“ drücken dagegen den Prozess der Stereotypisierung aus, weil hierbei ein Individuum als Mitglied der Gruppe der Saarländer betrachtet wird und auf dieser Grundlage das Stereotyp, dass Saarländer viele Kartoffeln äßen, auf dieses Individuum angewendet wird.

Weshalb Stereotypisierung problematisch sein kann

Stereotypisierung kann problematisch sein, und zwar insbesondere dann, wenn dabei Individuen Eigenschaften zugeschrieben werden, die tatsächlich nicht auf dieses Individuum zutreffen (oder bei denen spekulativ ist, ob sie auf dieses Individuum zutreffen). In solchen Fällen entsteht eine sachlich falsche Beurteilung eines Individuums (bzw. es wird das Risiko eingegangen, ein Individuum falsch zu beurteilen), woraus wiederum eine unfaire und schädliche negative Behandlung des Individuums – z.B. in Form von Diskriminierung – entstehen kann.

Ein fiktives Beispiel ist die folgende Stereotypisierung durch eine fiktive Bundesbehörde: „Sie leben in Baden-Württemberg. Menschen in Baden-Württemberg haben viel Vermögen. Also haben Sie viel Vermögen und werden verpflichtet, 6.000 € Vermögenssteuer pro Jahr zu zahlen.“ Tatsächlich haben nicht alle Menschen in Baden-Württemberg (nach üblichem Verständnis) „viel“ Vermögen; manche haben so gut wie gar keines. Das hier vorliegende Stereotyp trifft also auf viele Menschen in Baden-Württemberg nicht zu. Indem das Stereotyp nun auf ein beliebiges Individuum in Baden-Württemberg angewendet wird, wird das Risiko eingegangen, dieses Individuum falsch zu beurteilen – denn es ist möglich, dass dieses Individuum tatsächlich nicht viel Vermögen besitzt. Die Verpflichtung, jährlich 6.000 € Vermögenssteuer zu zahlen, stellt dann eine unfaire und schädliche negative Behandlung dar, weil es für ein Individuum mit entsprechend wenig Vermögen klar unangemessen – und in vielen Fällen praktisch unmöglich – ist, eine Vermögenssteuer in dieser Höhe zu zahlen. Außerdem liegt eine Diskriminierung vor, wenn Individuen in anderen Bundesländern, die (individuell) mindestens das gleiche Vermögen haben wie das Individuum in Baden-Württemberg, diesen Steuerbetrag nicht zahlen müssen.

Anmerkungen

Stereotypisierung kann auch dann zu sachlich falschen Urteilen führen und problematische Auswirkungen haben, wenn das zugrunde liegende Stereotyp statistisch korrekt ist. Das liegt daran, dass auch eine statistisch akkurate Aussage nicht zwangsläufig auf alle Individuen der Gruppe zutrifft. Nehmen wir als fiktives Beispiel an, dass das durchschnittliche Pro-Kopf-Vermögen in Baden-Württemberg bei 50.000 € liegt und dass bundesweit eine jährliche Vermögenssteuer von 2% eingeführt werden soll. Auf dieser Grundlage wird die folgende Stereotypisierung formuliert: „Sie leben in Baden-Württemberg. Menschen in Baden-Württemberg haben durchschnittlich ein Pro-Kopf-Vermögen von 50.000 €, wobei die jährliche Vermögenssteuer 2% betragen soll. Also gehen wir bei Ihnen von einem Vermögen von 50.000 € aus und verpflichten Sie, 1.000 € Vermögenssteuer pro Jahr zu zahlen.“ Das Problem ist hier nicht das Stereotyp selbst – denn das durchschnittliche Vermögen liegt (im Rahmen des Beispiels) tatsächlich bei 50.000 € -, sondern das mögliche Problem ist die Anwendung auf ein Individuum. Einige Menschen in Baden-Württemberg haben möglicherweise ein Vermögen weit unter dem Durchschnitt und/oder besitzen praktisch gar kein Vermögen. Bei diesen Menschen ist es daher sachlich falsch, das Durchschnittsvermögen zu unterstellen. Diese Menschen mit einer jährlichen Vermögenssteuer von 1.000 € zu belasten, ist unverhältnismäßig und ungerecht. Zur Diskriminierung kommt es insbesondere dann, wenn Menschen mit mindestens dem gleichen individuellen Vermögen in einem anderen Bundesland, in dem das Durchschnittsvermögen niedriger ist, weniger Steuern zahlen müssen.

Es ist zweckmäßig, hervorzuheben, dass es statistisch korrekte Stereotype gibt, die auf kein einziges Individuum zutreffen. Das Stereotyp „Eine Frau in Deutschland bekommt durchschnittlich 1,46 Kinder“ ist (laut Daten von 2022) statistisch korrekt. Aber es gibt keine einzige Frau, auf die dieses Stereotyp zutrifft, denn es ist unmöglich, genau 1,46 Kinder zu haben. Stereotypisierung – die Anwendung von Stereotypen auf Individuen – kann also selbst dann, wenn das Stereotyp selbst statistisch korrekt ist, zu Fehlschlüssen führen, und zwar ggf. bei jedem einzelnen Individuum.

Die negativen gesellschaftlichen Auswirkungen von Stereotypisierung sind besonders groß, wenn das zugrunde liegende Stereotyp tatsächlich nur auf relativ wenige Mitglieder der entsprechenden Gruppe zutrifft. Nehmen wir an, dass eine Gesellschaft aus zwei Gruppen besteht, Gruppe A und Gruppe B. In Gruppe A liegt die Kriminalitätsrate bei 4% und in Gruppe B bei 6%. Auf dieser Grundlage wird die folgende Stereotypisierung vorgenommen: „Du gehörst augenscheinlich zu Gruppe B. Gruppe B ist kriminell. Also bist Du kriminell.“ Selbst wenn das stereotypisierte Individuum tatsächlich zu Gruppe B gehört, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Individuum kriminell ist, im Allgemeinen nur bei 6%. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Individuum zu Unrecht beschuldigt wird, liegt demnach bei 94%. Damit wird sofort klar, wie problematisch Stereotypisierung sein kann – insbesondere dann, wenn auf Grundlage der Stereotypisierung (weitere) negative Handlungen gegen die Individuen der entsprechenden Gruppe vorgenommen werden, während die meisten dieser Individuen ja unschuldig sind.

Stereotypisierung kann auch dadurch problematisch sein, dass ein Individuum fälschlich einer Gruppe zugewiesen wird, der es tatsächlich nicht angehört. Hierfür bin ich selbst ein gutes Beispiel. Mein vollständiger Geburtsname ist „Omar Adam Ayaita“. Da der erste Vorname und der Nachname aus dem Arabischen stammen und der Name „Omar“ bei vielen Muslim:innen beliebt ist, bin ich oft für einen Muslim gehalten worden, und manchmal wurden entsprechende Stereotype über Muslime auf mich angewendet. Tatsächlich war ich jedoch schon immer konfessionslos, hatte nie einen Bezug zur Religion und habe nie eine Religion praktiziert. Die Zuordnung meiner Person zur Gruppe der Muslime und die Anwendung entsprechender Stereotype erfolgten somit zu Unrecht. Wenn auf Grundlage einer solchen, sachlich falschen Stereotypisierung negative Handlungen vorgenommen werden, dann liegt schädliches Fehlverhalten vor. (Ich weise darauf hin, dass natürlich auch Menschen, die tatsächlich einer muslimischen Religion folgen, nicht per se negativ behandelt werden sollten.)

Es gibt Menschen, die Stereotypisierung dadurch verteidigen wollen, dass sie behaupten, das Stereotyp treffe z.B. auf 99% der Individuen einer Gruppe zu. Es sei vertretbar, die restlichen 1% ungerecht zu behandeln. Diese Argumentation ist aber aus zwei Gründen problematisch. Erstens sollte jedes Individuum fair behandelt werden – auch dann, wenn es einer kleinen Minderheit innerhalb seiner Gruppe angehören sollte. Zweitens fehlt häufig jeder Beleg für die These, dass das jeweilige Stereotyp auf 99% der Gruppe zutreffe. Mitunter wird aus Daten, die nahelegen, dass eine bestimmte Gruppe bei einer bestimmten Eigenschaft überrepräsentiert ist (wie im obigen Beispiel Gruppe B bei der Kriminalität), fälschlich der Schluss gezogen, dass eine große Mehrheit dieser Gruppe diese Eigenschaft besitze. Diesen logischen Fehlschluss bei gruppenbezogenen Vorurteilen habe ich in einem anderen Beitrag genauer beschrieben. Und mitunter wird unterstellt, dass „andere“ Gruppen weitestgehend homogen seien (dass es also kaum Unterschiede zwischen den Individuen einer Gruppe gebe), obwohl es dafür keinen Beleg gibt und obwohl mindestens aus der eigenen Gruppe bekannt ist, dass es große Unterschiede zwischen verschiedenen Individuen derselben Gruppe geben kann. Auch solche fragwürdigen, oft unplausiblen und mitunter nachweislich falschen Spekulationen über andere Gruppen können zu problematischer Stereotypisierung führen.

Zum Beispiel kursierte nach der großen Zuwanderung von arabischen Geflüchteten nach Deutschland in 2015/16 das Stereotyp, Geflüchtete seien gegen die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Tatsächlich zeigt eine repräsentative und anonyme Befragung von Geflüchteten, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland gekommen sind, dass über 78% der Geflüchteten die uneingeschränkte Gleichberechtigung von Frauen und Männern befürworten (Stötzer, 2020, S. 72-73). Das Stereotyp ist also offensichtlich in einer Mehrzahl der Fälle unzutreffend. Eine Behauptung, dass ein Stereotyp auf alle oder fast alle Individuen einer Gruppe zutreffe, sollte stets kritisch hinterfragt werden, wenn keine validen Daten vorliegen, welche diese Behauptung unterstützen würden.

Fazit: Das Problem der Stereotypisierung

Das Problem der Stereotypisierung lässt sich somit folgendermaßen zusammenfassen. Stereotypisierung ist die Anwendung von Stereotypen (d.h. Vorstellungen von Gruppen) auf Individuen. Dieser Prozess kann insbesondere dann problematisch sein, wenn die unterstellten Eigenschaften tatsächlich nicht auf das jeweilige Individuum zutreffen. In diesen Fällen liegt eine sachlich falsche Beurteilung von Individuen vor, die zu unfairen schädlichen Handlungen und Diskriminierungen führen kann.

Der einfachste Weg, das Problem der Stereotypisierung zu vermeiden, besteht vermutlich darin, die Stereotypisierung selbst zu vermeiden – und für die Verschiedenheit von Individuen offen zu sein.

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