Wie Kants kategorischer Imperativ bei aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen helfen kann

Dr. Adam Ayaita, Dezember 2022

In seinem erstmals 1785 erschienenen Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (hier zitiert nach der zweiten Auflage (B), 1786, in der von Wilhelm Weischedel hrsg. Ausgabe von 1974, Suhrkamp) begründet Immanuel Kant das Grundprinzip seiner Ethik, den sogenannten kategorischen Imperativ. Dieser wird so definiert:

„Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger, und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (B 52)

Eine „Maxime“ ist nach Kant ein subjektives Prinzip zu handeln, wobei der Begriff „subjektiv“ auf die Bedingungen des Subjekts (z.B. eines Menschen) verweist (B 51). Im Zusammenhang mit dem Begriff des Willens ist wichtig, dass Kant diesen Begriff in engem Zusammenhang mit dem Begriff der Vernunft verwendet und sich daher auf einen vernünftigen Willen bezieht (vgl. z.B. B 28, 36, 62, 64-65).

Mit dem kategorischen Imperativ verlangt Kant also, dass wir unsere möglichen Handlungen dahingehend überprüfen, ob es vernünftig wäre, wenn Handlungen dieser Art allgemein gesetzlich vorgeschrieben wären. Nur wenn diese Frage bejaht werden kann, ist die Handlung moralisch zulässig. Als ein Beispiel diskutiert Kant die Frage, ob es moralisch richtig ist, ein Versprechen zu geben in der Absicht, es zu brechen (vgl. B 54-55). Wenn es zu einem allgemeinen Gesetz würde, Versprechen in der Absicht zu geben, sie zu brechen, dann wären Versprechen nicht mehr glaubwürdig und würden auch nicht mehr geglaubt werden, so dass die Institution des Versprechens ihre gesellschaftliche Funktion nicht mehr erfüllen könnte. Mit diesem Argument lehnt Kant es ab, ein Versprechen in der Absicht zu geben, es zu brechen.

In diesem Beitrag beschreibe ich, wie der kategorische Imperativ bei der Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen helfen kann. Hierzu weise ich zunächst auf Unterschiede zwischen Kants kategorischem Imperativ und der Goldenen Regel der Ethik hin, bringe dann ein Argument für die Plausibilität des kategorischen Imperativs als moralisches Prinzip ein und wende den kategorischen Imperativ schließlich auf eine aktuelle gesellschaftliche Herausforderung – den Umgang mit dem Klimawandel – an.

Kategorischer Imperativ vs. Goldene Regel

Der kategorische Imperativ ist nicht identisch mit der Goldenen Regel der Ethik. Die Goldene Regel verlangt, dass wir uns anderen gegenüber so verhalten sollen, wie wir selbst von anderen behandelt werden wollen – und dass wir Verhaltensweisen, die wir uns gegenüber nicht erleben möchten, auch anderen gegenüber nicht an den Tag legen sollen („Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“). Im Unterschied zum kategorischen Imperativ enthält die Goldene Regel nicht das Kriterium des allgemeinen Gesetzes. Handlungen werden also nicht dahingehend überprüft, ob ihr Prinzip auch als allgemeines Gesetz vernünftig wäre. Stattdessen wird bei der Goldenen Regel ein persönliches zwischenmenschliches Kriterium angewendet; nämlich, ob man selbst – als individuelles Subjekt – von anderen so behandelt werden möchte, wie man andere behandelt.

Kant selbst weist darauf hin, dass und warum sein kategorischer Imperativ sich von der Goldenen Regel unterscheidet (vgl. B 67). Zur Illustrierung dieses Unterschieds führt er zwei Beispiele an. Zum einen kann es Menschen geben, die andere nicht wohlwollend behandeln wollen und dies damit rechtfertigen wollen, dass sie bereit sind, selbst darauf zu verzichten, von anderen wohlwollend behandelt zu werden. Nach der Goldenen Regel wäre ein solches Vorgehen zulässig, nach Kants kategorischem Imperativ (und seinen Ausführungen dazu) aber nicht. Zum anderen könnte ein Verbrecher gegen seinen Richter argumentieren und dies damit rechtfertigen wollen, dass der Richter ja schließlich auch gegen ihn (den Verbrecher) argumentiert bzw. ihn straft. Auch dieses Verhalten des Verbrechers wäre nach der Goldenen Regel zulässig, nach dem kategorischen Imperativ aber nicht (vgl. ebd.).

Bei der Anwendung von Kants kategorischem Imperativ auf den Umgang mit dem Klimawandel wird deutlich werden, weshalb der kategorische Imperativ besser als die Goldene Regel zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen kann.

Argument für die Plausibilität des kategorischen Imperativs als moralisches Prinzip

Es gibt ein wichtiges Argument, das für die Plausibilität des kategorischen Imperativs als moralisches Prinzip (d.h. Prinzip des guten Handelns) spricht. Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen gleich viel wert sind und (in moralischer Hinsicht) die gleichen Rechte haben, dann müssen wir das, was wir uns selbst herausnehmen, auch allen anderen Menschen zugestehen. Wenn ich also das Recht hätte, nach dem Prinzip X zu handeln, dann hätten alle Menschen das Recht, nach dem Prinzip X zu handeln, so dass es vernünftig wäre, X allgemein gesetzlich zuzulassen (d.h., nicht gesetzlich zu verbieten). Im Umkehrschluss folgt daraus: Wenn sich herausstellt, dass es nicht vernünftig ist, X allgemein gesetzlich zuzulassen, dann kann ich auch nicht das Recht haben, nach dem Prinzip X zu handeln. (Denn wenn ich dieses Recht hätte, hätten auch alle anderen dieses Recht, so dass es vernünftig wäre, X allgemein gesetzlich zuzulassen, was ja unter den beschriebenen Bedingungen nicht der Fall ist.)

Für diejenigen, die an formaler Aussagenlogik interessiert sind, führe ich hier die Struktur dieses Arguments auf. Die folgenden Aussagen werden unterschieden:

A = Subjekt i hat das Recht, nach dem Prinzip X zu handeln.

B = Alle Subjekte haben das Recht, nach dem Prinzip X zu handeln; es ist vernünftig, X allgemein gesetzlich zuzulassen.

Wenn A gilt, dann muss auch B gelten, denn alle Menschen haben die gleichen moralischen Rechte (ich konzentriere mich hier auf menschliche Subjekte). Daher lautet die erste Formel:

Formel 1: A -> B,

wobei das Symbol „->“ für eine logische Folgerung steht („Aus A folgt B„).

Nun nehmen wir den Fall an, dass es tatsächlich nicht vernünftig ist, X allgemein gesetzlich zuzulassen. Somit ist B falsch. Daher:

Formel 2: ~B,

wobei das Symbol „~“ für eine Verneinung (d.h. für „nicht“) steht.

Aus Formel 1 und Formel 2 zusammen folgt, dass A falsch ist. Diese grundlegende logische Schlussfolgerung wird als Modus tollens bezeichnet. Daher:

Formel 3: ~A.

Somit hat Subjekt i nicht das Recht, nach dem Prinzip X zu handeln.

Wir konnten also zeigen, dass, wenn ein Handlungsprinzip nicht allgemein gesetzlich zugelassen werden sollte, gefolgert werden kann, dass tatsächlich auch ein individuelles Subjekt nicht nach diesem Prinzip handeln darf. Es wird damit das gezeigt, was Kant mit dem kategorischen Imperativ im Kern postuliert. Der kategorische Imperativ erweist sich also als plausibles Prinzip der Moral.

Kategorischer Imperativ und Umgang mit dem Klimawandel

Der Klimawandel ist eine gigantische gesellschaftliche Herausforderung für Staaten und die ganze Welt – vielleicht die größte Herausforderung unserer Zeit. Wie erfolgreich der Umgang mit dem Klimawandel ist, hängt auch davon ab, wie gut Entscheidungsträger:innen überzeugt werden können, klimaschädliche Handlungen zu vermeiden.

Die Goldene Regel der Ethik wird an dieser Herausforderung vermutlich scheitern. Denn der einzelne Entscheidungsträger, der unverändert klimaschädliche Handlungen ausführen will, kann im Einklang mit der Goldenen Regel folgendermaßen argumentieren:

„Ich verzichte nicht auf klimaschädliche Handlungen. Ich erwarte auch von Dir nicht, dass Du auf klimaschädliche Handlungen verzichtest. Somit erwarte ich nichts von Dir, was ich nicht auch selbst zu tun bereit bin. Mein Handeln ist also im Einklang mit der Goldenen Regel.“

Und diese Argumentation ist (wenn die Goldene Regel zugrunde gelegt wird) tatsächlich nicht falsch. Sie widerspricht aber der moralischen Anforderung, dass wir alle das uns Mögliche tun sollten, klimaschädliche Handlungen zu vermeiden. Die Goldene Regel kann diese moralische Anforderung somit nicht begründen.

Kants kategorischer Imperativ wird dagegen diesem Ziel gerecht. Denn er stellt die Frage: Können wir (vernünftigerweise) wollen, dass klimaschädliches Handeln zum allgemeinen Gesetz werde? Das Kriterium für die Bewertung von klimaschädlichem Handeln wird also von der persönlichen zwischenmenschlichen auf die gesamtgesellschaftliche Ebene verschoben. Und hier ist die Antwort klar: Nein, es wäre zutiefst unvernünftig, wenn klimaschädliches Handeln zum allgemeinen Gesetz würde. Denn dies würde mit der Zeit (und zwar in nicht allzu ferner Zeit) die Lebensgrundlagen aller Menschen massiv gefährden und belasten. Kants kategorischer Imperativ macht also deutlich, weshalb (vermeidbares) klimaschädliches Handeln tatsächlich moralisch falsch ist.

Der kategorische Imperativ kann auch Überlegungen der folgenden Art überzeugend entgegentreten:

„Mein Beitrag (und auch Deutschlands Beitrag) zum Klimawandel ist moralisch (nahezu) irrelevant, weil wir am weltweiten Klimawandel ohnehin nur wenig ändern können.“

Kant würde hier die Frage stellen, ob es vernünftig wäre, wenn alle Menschen (und Staaten) so denken und mit einer solchen Begründung klimaschädlich handeln würden, d.h., wenn klimaschädliches Handeln mit einer derartigen Begründung zum allgemeinen Gesetz würde. Die Antwort ist wiederum klar: Nein, das wäre zutiefst unvernünftig, denn wenn alle sich mit einer solchen Begründung klimaschädlich verhalten, entstehen massive Schäden. Daraus folgt mit dem kategorischen Imperativ, dass (vermeidbares) klimaschädliches Verhalten mit einer solchen Begründung moralisch falsch ist.

Somit wird klar, wie Kants kategorischer Imperativ bei der Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen helfen kann. Indem das Kriterium für die moralische Richtigkeit von Handlungen in überzeugender Weise auf die gesamtgesellschaftliche Ebene verschoben wird, können gesellschaftlich schädliche Handlungen als moralisch falsch identifiziert werden – und zwar auch dann, wenn der eigene Beitrag von Individuen klein ist und erst die Summierung individueller Handlungen gesellschaftlich relevant ist. Diese Herangehensweise führt dazu, dass (vermeidbares) klimaschädliches Verhalten als moralisch falsch identifiziert werden kann.

Freilich kann der kategorische Imperativ nur einen Maßstab für die moralische Bewertung von Handlungen bieten. Welche konkreten Schritte zur Verhaltensänderung und technologischen Anpassung notwendig sind, muss separat entschieden werden.

Hinterlasse einen Kommentar