Steht politische Korrektheit im Widerspruch zu sachlicher Korrektheit?

Dr. Adam Ayaita, Dezember 2022

Unter „political correctness“ (oder „politischer Korrektheit“) wird verstanden, auf Ausdrucksweisen und Handlungen zu verzichten, die von Menschen aus bestimmten Gruppen (die z.B. über das Geschlecht oder die Abstammung definiert werden) als beleidigend oder verletzend empfunden werden könnten (vgl. Merriam-Webster Dictionary). Beispielsweise ist die Verwendung von frauenfeindlicher, homofeindlicher oder ableistischer Sprache politisch inkorrekt. Auch die Verwendung des N-Worts, das historisch (und teils noch heute) im Zusammenhang mit der Diskriminierung von Schwarzen steht, ist politisch inkorrekt. In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem Vorwurf, dass politische Korrektheit im Widerspruch zu sachlicher Korrektheit stehe, weil bestimmte Fakten im Rahmen von politisch korrekter Sprache nicht ausgedrückt werden dürften.

Vorteile der politischen Korrektheit

Ich möchte zunächst auf einige Vorteile der politischen Korrektheit eingehen, die im politisch-gesellschaftlichen Diskurs manchmal untergehen. Es ist allgemein sinnvoll, Beleidigungen und Verletzungen zu vermeiden, um die Glückseligkeit von Menschen nicht unnötig zu verringern. Deshalb sollten auch diejenigen Beleidigungen und Verletzungen, die zur Kategorie der politischen Inkorrektheit gehören, vermieden werden. Somit ist politische Korrektheit prinzipiell etwas Gutes.

Außerdem kann Sprache unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Wer sich an eine abwertende Sprache gegenüber einer Gruppe von Menschen gewöhnt, wird über diese Gruppe mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechter denken und sich ihr gegenüber schlechter verhalten als jemand, der eine solche Sprache vermeidet. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Gruppen-bezogener sprachlicher Abwertung, die zu massivsten Menschenrechtsverletzungen beigetragen hat (Extrembeispiel ist das Propagandaministerium der Nazis). Politische Inkorrektheit kann also ein Anstoß für schlechtes, ungerechtes Verhalten sein und sollte daher besser vermieden werden – während eine politisch korrekte Sprache eher zu dem Gegenteil, nämlich einer wertschätzenden Einstellung und einem fairen Verhalten, beitragen kann.

Vorwurf der sachlichen Inkorrektheit

Trotz dieser Vorteile der politischen Korrektheit wird diese häufig als Vorwurf formuliert, indem Menschen dafür kritisiert werden, dass sie sich (tatsächlich oder vermeintlich) politisch korrekt ausdrücken. Dieser Kontext ist bereits in der Geschichte des Begriffs angelegt, denn der Begriff der „political correctness“ ist erst dadurch bekannt geworden, dass er – zunächst in den USA – von Konservativen und der politischen Rechten als Vorwurf gegen Progressive und die politische Linke formuliert wurde (siehe z.B. den Wikipedia-Artikel zu „political correctness“). Donald Trump sowie rechtspopulistische und rechtsradikale Politiker:innen weltweit richten sich offensiv und offensichtlich gegen das Gebot der politischen Korrektheit.

Ein Vorwurf, der häufig – und teils implizit – im Zusammenhang mit politischer Korrektheit gemacht wird, ist der Vorwurf der (angeblichen) sachlichen Inkorrektheit. Das drückt sich z.B. in Formulierungen aus wie „X ist der Fall, aber man darf es ja nicht offen sagen“ oder „Man wird X doch wohl noch sagen dürfen“ (wobei X jeweils eine negative Aussage über eine Gruppe von Menschen ist) oder „Mut zur Wahrheit“ (Wahlspruch der AfD, die für politische Inkorrektheit bekannt ist). Mit solchen Formulierungen wird suggeriert, dass bestimmte, sachlich korrekte Fakten im Rahmen der politischen Korrektheit nicht ausgedrückt werden dürften. Das Ausdrücken sachlich zutreffender Fakten würde also häufig im Widerspruch zur politischen Korrektheit stehen. Mit dieser Position setze ich mich in diesem Beitrag auseinander. Ich unterscheide dafür zwei Varianten von politisch korrekter Sprache.

Politische Korrektheit in Bezug darauf, wie etwas gesagt wird

Zum einen kann politisch korrekte Sprache sich darauf beziehen, wie etwas gesagt wird (und nicht darauf, was inhaltlich gesagt wird). Politische Korrektheit verlangt dann nur, dass bei der Wahl von konkreten Formulierungen auf beleidigende und verletzende Sprache gegenüber Gruppen von Menschen verzichtet wird.

Diese Form von politischer Korrektheit steht in keinerlei Widerspruch zu sachlicher Korrektheit. Denn politische Korrektheit schränkt dann die Menge der Inhalte, die ausgedrückt werden dürfen, gar nicht ein, sondern bezieht sich lediglich auf die Art und Weise, mit der diese Inhalte ausgedrückt werden. Somit können auch im Rahmen der politischen Korrektheit alle Inhalte ausgedrückt werden – nur eben nicht in jeder beliebigen sprachlichen Form.

Zur Illustrierung gebe ich hier ein Beispiel. Angenommen, in Gruppe A beträgt der Anteil der Straftäter:innen 5 Prozent, während in Gruppe B der Anteil der Straftäter:innen 7 Prozent beträgt. Jemand möchte diesen Unterschied zwischen den Gruppen ausdrücken. Hierzu wählt er eine der beiden folgenden Formulierungen:

Formulierung 1: „Personen aus Gruppe B haben im Durchschnitt eine 2 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, eine Straftat begangen zu haben, als Personen aus Gruppe A.“

Formulierung 2: „Gruppe B ist eine kriminelle Bande.“

Die Formulierung 1 ist politisch korrekt und (unter den gegebenen Annahmen) sachlich zutreffend. Es ist also durchaus möglich, den Sachverhalt, der ausgedrückt werden soll, sachlich und politisch korrekt auszudrücken. Formulierung 2 ist dagegen politisch inkorrekt und ist sachlich mindestens fragwürdig (weil suggeriert wird, die Gruppe sei insgesamt kriminell, obwohl nur eine Minderheit der Gruppe eine Straftat begangen hat). Tatsächlich ist also die politisch inkorrekte Formulierung sachlich weniger zutreffend als die politisch korrekte Formulierung.

Politische Korrektheit in Bezug darauf, was inhaltlich gesagt wird

Eine andere mögliche Form von politisch korrekter Sprache bezieht sich auf den Inhalt dessen, was gesagt wird. Politische Korrektheit würde dann bedeuten, dass bestimmte Sachverhalte gar nicht angesprochen werden dürfen, wenn das Ansprechen dieser Sachverhalte von bestimmten Gruppen als beleidigend oder verletzend empfunden werden könnte. Der oben beispielhaft erwähnte Unterschied in der Rate von Straftaten zwischen zwei Gruppen dürfte dann möglicherweise gar nicht angesprochen werden.

In diesem Fall entstünde in der Tat ein Widerspruch zwischen politischer und sachlicher Korrektheit, weil das Ausdrücken bestimmter sachlich korrekter Fakten – unabhängig von der Wortwahl – als politisch inkorrekt eingestuft und deshalb im Rahmen der politischen Korrektheit verboten werden würde. Dass eine solche Form von politischer Korrektheit politisch und gesellschaftlich problematisch ist, ist einfach zu sehen.

Fazit und Anmerkung

Die Beantwortung der Frage, ob politische Korrektheit im Widerspruch zu sachlicher Korrektheit steht, hängt also davon ab, welche Form von politischer Korrektheit gemeint ist. Wenn sich politische Korrektheit auf die Art des sprachlichen Ausdrucks bezieht (indem Sachverhalte so ausgedrückt werden sollen, dass unnötige Beleidigungen und Verletzungen vermieden werden), dann steht politische Korrektheit nicht im Widerspruch zur sachlichen Korrektheit, sondern eine politisch korrekte Formulierung kann sogar sachlich zutreffender sein als eine politische inkorrekte Formulierung. Wenn sich politische Korrektheit dagegen auf den Inhalt dessen bezieht, was gesagt werden soll (indem bestimmte Sachverhalte gar nicht angesprochen werden sollen, um negative Gefühle in bestimmten Gruppen zu vermeiden), dann kann politische Korrektheit in der Tat im Widerspruch zu sachlicher Korrektheit stehen und selbstverständlich problematisch sein.

Mein Vorschlag an diejenigen, die mit dem Vorwurf der politischen Korrektheit konfrontiert werden, obwohl sie die Menge der Inhalte, die ausgedrückt werden, gar nicht einschränken wollen, ist, offensiv dazu zu stehen, dass sie sich politisch korrekt ausdrücken möchten. Denn es spricht nichts dagegen – und manches dafür – auf die Gefühle anderer Menschen Rücksicht zu nehmen, so lange dadurch die Möglichkeit, Sachverhalte inhaltlich auszudrücken, nicht eingeschränkt wird. Wer selbst nicht beleidigt oder verletzt werden möchte, sollte verstehen können, dass andere Gruppen mit dem gleichen Wohlwollen behandelt werden sollten.

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