Kommentar zur These, manche Menschen seien „persönlich zu betroffen“, um sinnvoll zu urteilen

Dr. Adam Ayaita, Januar 2023

In meinem bisherigen Leben (ich bin 35 Jahre alt) ist mir häufiger die These begegnet, Menschen aus bestimmten Gruppen könnten über bestimmte politisch-gesellschaftliche Themen nicht sinnvoll urteilen, weil sie „persönlich zu betroffen“ seien. Besonders beim Thema Rassismus ist mir diese These begegnet. Dabei hieß es gegenüber Menschen, die Merkmale besitzen, auf Grund derer sie selbst mit Rassismus konfrontiert sein können, dass diese Menschen nicht sinnvoll über das Thema urteilen könnten, eben weil sie persönlich zu sehr davon betroffen seien. In diesem Beitrag setze ich mich kritisch mit der These auseinander, dass manche Menschen nicht sinnvoll über ein politisches oder gesellschaftliches Thema urteilen könnten, weil sie persönlich zu sehr davon betroffen seien.

Keine Gruppe bewertet objektiv

Das erste Problem mit der oben aufgeführten These beruht darauf, dass dabei die Annahme getroffen wird, nur Menschen aus einer bestimmten Gruppe seien persönlich betroffen, während eine andere Gruppe (zu der sich die Sprecherin bzw. der Sprecher normalerweise zählt) objektiv und vernünftig über das Thema urteilen könne. Diese Annahme ist oft falsch, weil politisch-gesellschaftliche Themen häufig nicht nur eine einzelne Gruppe, sondern die Gesellschaft als ganze betreffen, so dass eine objektive Bewertung für alle Gruppen schwierig ist.

Das Thema Rassismus bzw. rassistische Diskriminierung ist hierfür ein gutes Beispiel. Wenn es z.B. ab morgen im ganzen Land keine Rolle mehr spielen würde, welche Hautfarbe jemand hat, woher der Name von jemandem stammt und woher die Eltern einer Person kommen, dann würde sich dadurch nicht nur für diejenigen etwas ändern, die bisher von entsprechenden Diskriminierungsformen direkt betroffen bzw. diesem Risiko ausgesetzt sind. Sondern auch für die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft würde sich etwas ändern. Personen aus dieser Gruppe würden häufiger mit Kolleg:innen, Vorgesetzten, Nachbar:innen, neuen Familienmitgliedern etc., die ausländische Wurzeln haben, konfrontiert werden – und manche würden sich davon womöglich bedroht fühlen. Außerdem würden weiße Deutsche einen Teil ihres Wohlstands stärker teilen müssen, weil nun auch andere Gruppen z.B. am Arbeits- und Wohnungsmarkt diskriminierungsfrei partizipieren würden. (Gleichzeitig kann sich der Wohlstand der Gesellschaft aber vergrößern, wenn auf Diskriminierung verzichtet wird, weil die Potentiale von Menschen besser entwickelt und genutzt werden können.) Somit betrifft die Frage, wie eine Gesellschaft mit Rassismus bzw. rassistischer Diskriminierung umgeht, keinesfalls nur die Menschen, die unmittelbar von Rassismus betroffen sind bzw. sein können, sondern auch alle anderen, deren Lebensumgebung, Wohlstand und gesellschaftlicher Status durch Rassismus (bzw. die Verringerung von Rassismus) beeinflusst werden.

Weil gesellschaftliche Veränderungen meist die ganze Gesellschaft betreffen, gibt es im Allgemeinen also keine Gruppe, die objektiv beurteilen kann. Die Sprecherin oder der Sprecher täuscht die Position eines objektiven Schiedsrichters vor, die ihr tatsächlich nicht zusteht, weil sie – mindestens indirekt – auch von dem Thema betroffen ist und eine bestimmte Perspektive und bestimmte Interessen hat. Wenn man alle Menschen, die persönlich betroffen sind, aus der Debatte über ein Thema ausschließen würde, dann bliebe demnach niemand oder fast niemand mehr übrig, der über das Thema debattieren könnte – und die Sprecherin bzw. der Sprecher selbst müsste ebenfalls ausgeschlossen werden. Deshalb ist eine solche Vorgehensweise nicht sinnvoll und widerspricht der Absicht der Sprecherin bzw. des Sprechers.

Jemand könnte argumentieren, dass zwar alle Gruppen von einem Thema betroffen sind, aber nicht alle in dem gleichen Ausmaß. Nur die Menschen, die zu sehr betroffen seien, sollten demnach aus der Debatte ausgeschlossen werden. Um das umzusetzen, müsste aber festgelegt werden, welches Maß an persönlicher Betroffenheit gerade noch akzeptabel ist, um sinnvoll an einer Debatte teilnehmen zu können. Und es müsste im individuellen Fall entschieden werden, ob dieser Grenzwert überschritten ist. Es ist nicht zu erkennen, wie eine solche Vorgehensweise praktisch umgesetzt werden sollte. Außerdem würde sie nicht immer zu dem Ergebnis führen, das mit der oben aufgeführten These beabsichtigt wird. Denn die Menschen, die unmittelbar betroffen sind, müssen nicht immer diejenigen sein, die am stärksten betroffen sind. Um hier wieder das Thema Rassismus als Beispiel zu verwenden: Es ist durchaus denkbar – und nach meiner Erfahrung nicht unrealistisch – dass die Frage, ob nicht-weiße Personen gleichberechtigten Zugang zu Wohnungen in sozio-ökonomisch hochwertiger Lage bekommen, für manche unmittelbar betroffene, nicht-weiße Personen nicht so wichtig ist wie für manche weiße Personen, die sich von Nicht-Weißen und dem möglichen Verlust von Privilegien bedroht fühlen. Die Festlegung eines Grenzwerts für persönliche Betroffenheit könnte also dazu führen, dass manche unmittelbar Betroffene an der Diskussion teilnehmen dürften, während manche derer, die nicht unmittelbar betroffen sind, nicht teilnehmen dürften (gerade das wird von den Vertreter:innen der These ja nicht beabsichtigt). Ich schließe daraus, dass die Idee, einen solchen Grenzwert festzulegen, nicht praktikabel ist und nicht zur Unterstützung der These dienen kann.

Persönliche Betroffenheit kann ein Vorteil sein

Ein weiteres Problem der oben aufgeführten These ist, dass persönliche Betroffenheit dabei ausschließlich als etwas Negatives angesehen wird, das die Urteilsfähigkeit einschränke. Diese Sichtweise ist nicht überzeugend, denn persönliche Betroffenheit kann auch Quelle von etwas Positivem sein und die Urteilsfähigkeit vergrößern. Persönliche Betroffenheit bedeutet persönliche Erfahrung; zum Beispiel haben persönlich Betroffene die Erfahrung gemacht, wie sich entsprechende Sachverhalte konkret auswirken und anfühlen. Ohne die Hilfe von Betroffenen sind solche Informationen für Außenstehende nur schwer zugänglich – auch die beste Recherche und Empathie haben Grenzen und können nicht perfekt die persönliche Erfahrung und das persönliche Erleben ersetzen. Die persönliche Erfahrung kann deshalb dazu beitragen, einen Sachverhalt qualifizierter beurteilen zu können. (Dieses Prinzip wird auch darin deutlich, dass praktische Berufserfahrung – und nicht nur theoretische Kenntnisse – einen Teil der beruflichen Qualifikation darstellen; und wir würden uns ungern von einem Taxifahrer fahren lassen, der noch nie ein Auto gefahren hat.) Somit können Menschen, die von einem Thema persönlich betroffen sind, mit ihrer Erfahrung eine Debatte über das Thema bereichern. Ohne ihre Teilnahme werden möglicherweise wichtige Aspekte übersehen.

Persönliche Betroffenheit kann auch dadurch die Urteilsfähigkeit vergrößern, dass die Betroffenheit ein Anstoß dafür ist, sich weitergehend mit einem Thema zu beschäftigen. Ich weiß nicht, ob ich mich mit der gleichen Gründlichkeit, mit der ich das getan habe, mit Themen wie Rassismus und Diskriminierung beschäftigt hätte, wenn ich weiß wäre und nicht mit einem ausländisch klingenden Namen (Omar Adam Ayaita) aufgewachsen wäre. Beim Thema der Diskriminierung von Frauen ist ebenfalls auffällig, dass sich längere Zeit weit überwiegend Frauen mit diesem Thema beschäftigt haben, während es von vielen Männern chauvinistisch belächelt wurde (zum Glück hat es hier – nach meiner Beobachtung – einige Fortschritte gegeben). Weil persönliche Betroffenheit die Wichtigkeit eines Themas unmittelbar deutlich macht, sind persönlich betroffene Menschen häufig motivierter, sich auch sachlich mit einem Thema zu beschäftigen, und können dadurch eine erhebliche Kompetenz erwerben. Diese Kompetenz sollte in politisch-gesellschaftlichen Debatten natürlich eingebracht werden.

Fairness setzt Teilhabe voraus

Das letzte Gegenargument, das ich vorbringen möchte, ist hauptsächlich moralischer Natur. Es wäre schlicht unfair, Menschen aus bestimmten Gruppen auf Grund von demographischen Merkmalen (wie Geschlecht oder Abstammung) aus Debatten über Themen, von denen sie betroffen sind, auszuschließen. Diese Praxis wäre eine diskriminierende Ausgrenzung, die dazu führt, dass die Perspektiven und Interessen bestimmter Gruppen systematisch und in relevanter Weise weniger berücksichtigt werden.

Stellen Sie sich vor, an einer Debatte darüber, ob in Rheinland-Pfalz ein Atommüllendlager errichtet werden soll, dürften nur Einwohner:innen und Vertreter:innen anderer Bundesländer, aber nicht die Einwohner:innen und Vertreter:innen von Rheinland-Pfalz, teilnehmen – denn Letztere seien „persönlich zu betroffen“. Eine solche Praxis wäre so grotesk, ungerecht und unsinnig, dass vermutlich niemand diese Idee ernsthaft in Betracht ziehen würde. Genauso grotesk, ungerecht und unsinnig ist es, bei Debatten über andere politisch-gesellschaftliche Themen diejenigen auszuschließen, die vermeintlich persönlich zu betroffen sind.

Fazit und Anmerkung

Es spricht also einiges gegen die These, dass Menschen aus bestimmten Gruppen persönlich zu betroffen seien, um sinnvoll über bestimmte Themen urteilen zu können. Erstens können auch diejenigen, die solche Thesen vertreten, häufig nicht objektiv entscheiden, weil sie ebenfalls persönlich betroffen sind. Zweitens kann persönliche Betroffenheit ein Vorteil in Debatten sein, weil sie Erfahrung widerspiegelt und ein Anstoß für gründliche Beschäftigung mit einem Thema sein kann. Und drittens wäre es unfair und absurd, ausgerechnet diejenigen, die von einem Thema betroffen sind, aus der Debatte darüber ausschließen zu wollen.

Mit den hier vorgetragenen (Gegen-)Argumenten soll natürlich nicht behauptet werden, dass ausschließlich diejenigen, die am unmittelbarsten persönlich betroffen sind, über ein Thema urteilen sollten. Natürlich gibt es auch Menschen, die nicht unmittelbar betroffen sind, aber sich eine Expertise aneignen, die es ihnen ermöglicht, ebenfalls konstruktiv an Debatten über ein Thema teilzunehmen. Als Ergänzung zu denjenigen, die unmittelbar persönlich betroffen sind, können sie eine wichtige, alternative Perspektive einbringen. Entscheidend ist, dass ein Thema nicht aus einer einzelnen Perspektive hinreichend geklärt werden kann und deshalb Menschen mit verschiedenen Perspektiven und Erfahrungen an Debatten teilnehmen sollten.

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